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Nerd-Geschichten: Das Kreuz mit dem perfekten Bild

Von Zeit zu Zeit gibt es sie, die Nerd-Erlebnisse. Damit sind die kleinen Geschichten des Alltags gemeint, in denen sich eingefleischte Videospiel-Fans manchmal selbst fragen, ob sie noch alle Tassen im Schrank haben. Auch mir geht es manchmal so - Zeit für einen nicht ganz ernst gemeinten Erfahrungsbericht!

Donnerstag, 25. Oktober 2012 um 11:37 von Sharky81

Früher war doch so manches einfacher. Man stöpselte seine Konsole mit einem einfachen Cinch-, Scart- oder sogar Antennenkabel an den Fernseher und war froh, überhaupt ein Bild zu bekommen. Meist war der Fernseher im Kinderzimmer gebraucht und stammte noch von Oma. Ein oder zwei Knöpfe fehlten schon, die Blende, hinter der sich die Bedienelemente versteckten, war bereits abgebrochen und die Fernbedienung hatte ihre besten Tage schon lange hinter sich. Doch das machte nichts, so lange man überhaupt einen TV hatte - sogar schwarz-weiß wäre ok gewesen, Hauptsache, das Spiel lief.

Ein solcher TV hat mir früher zum Zocken genügt

Egal waren Kontrastwerte, Farbräume, HDMI-Pegel und weiß der Geier was. Mal ganz davon abgesehen, dass die Spieler in meiner Jugend - glorreiche Mega Drive und Super Nintendo-Zeiten - diesen ganzen Schnickschnack auch gar nicht brauchten. Schließlich wurde die Grafik dadurch nicht viel besser. Texturschärfe und Kontrastwerte waren damals noch ein Fremdwort und kein Problem, dem man weiter Beachtung geschenkt hätte.

Auch die Größe des Bildschirms hat nicht interessiert. 30-Zentimeter-Diagonalen waren die grausame Realität in deutschen Kinderzimmern. Ich erinnere mich sogar noch, im Urlaub auf einem schwarz-weiß Reise-TV mit einer Diagonalen von maximal zehn Zentimetern Sonic The Hedgehog gezockt zu haben. Jeder Tablet-PC ist größer und auf allem was weniger als 32 Zoll hat wird heute nicht mehr gespielt - doch es störte nicht. Zugegeben, die Grafik war auch schon damals wichtig. Ob die jetzt hundertprozentig korrekt dargestellt wurde, war aber nebensächlich.


Heute ist das anders: Es beginnt schon mit der Frage der Technik - LCD, LED oder Plasma? Was soll man sich ins Wohnzimmer stellen? Das Internet ist voll von Diskussionen um den richtigen TV für das richtige Spiel und die jeweils passenden Bild-Einstellungen. Das perfekte Bild scheint heute der heilige Gral vieler Zocker geworden zu sein - zumindest solcher Nerds wie mir.

Das führt im Alltag zu manch obskurer Situation. Sieht ein Spiel schlecht aus oder erfüllt es nicht die grafischen Erwartungen, ist sie da, die kräfteraubende Glaubensfrage: „Sieht das Spiel wirklich so aus, oder sind nur die TV-Einstellungen mies?“ Plötzlich beginnt man Dinge zu sehen, die vorher nicht da waren oder glaubt, grafische Finessen vorenthalten zu bekommen. Ein gutes Beispiel sind die ausgeklügelten Beleuchtungstechniken und Schattenwürfe der heutigen Videospiele. Ein Schatten ist dazu da, um, naja, Schatten zu werfen. Sein Sinn und Zweck besteht einzig und allein darin, dunkel zu sein. Doch einem Nerd kommen schon mal Gedanken wie: "Liegen im Schatten vielleicht hochauflösende Texturen verborgen? Wollten die Entwickler, dass ich die sehen kann? Oder muss es so schwarz sein? Sollte ich das Gamma lieber erhöhen?"

Bäm, schon ist der Spaß am Spiel nebensächlich und ein Verlangen nach der richtigen Bildeinstellung drängt sich wie ein Geschwür oder hoch ansteckendes Virus in den Vordergrund. Es ist, als säße ein kleines Teufelchen auf der Schulter, das einem ständig ins Ohr flüstert: "Deine TV-Einstellungen sind mies, tu was!" Und ehe man sich versieht, wird das aktuelle Spiel pausiert und die Hand wandert wie in Trance zur Fernbedienung!

Spiele mit viel Dunkelheit wie Dead Space 2 stellen Bild-Fetischisten vor besondere Probleme

Jetzt ist es bereits zu spät. Ein Laie oder jemand, den das Thema weniger interessiert - also die Mehrheit der Zocker da draußen - würde einem sofort Geisteskrankheit attestieren. Wie ein Besessener schaltet man stundenlang zwischen verschiedenen Einstellungs-Kombinationen hin und her und versucht krampfhaft, die perfekte Einstellung zu finden. Fragen schießen einem durch den Kopf: "Höherer Kontrast oder doch mehr Farbe? Macht es Sinn, den Schwarzwert nach unten zu schrauben und dafür das Gamma nach oben? Oder umgekehrt? Und macht das überhaupt einen Unterschied? Ist mehr Schärfe gut? Dann sind die Konturen aber so kantig - oder kommt das vom Spiel und geht einfach nicht besser?" Und was am wichtigsten ist: „Schadet das eventuell meinem tausende Euro teuren TV?“

Kommt man nicht weiter, wird krampfhaft das Internet nach Tipps durchsucht. Hinweise gibt es genug. Diese taugen aber allesamt nichts, weil jedes Auge die Bilder anders empfindet - über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Es gibt zwar die in vielen Spielen gängige interne Gamma-Einstellung mit jeweiligem Testbild, doch auch hier gibt es von Titel zu Titel große Unterschiede, sodass man darauf auch kaum vertrauen kann.

In diesem Moment wünscht man sich einfach, ein Experte würde neben dem Sofa materialisieren, den Daumen ausstrecken, breit lächeln und sagen: "Perfekt! So soll das Spiel auf deinem TV aussehen, so haben es die Entwickler gewollt". So eine Art Therapeut eben, der einem sagt, dass alles gut wird. Doch das passiert natürlich nicht.

Doch nicht nur die Bildeinstellungen selbst kosten Nerven. Die heutige TV-Technik hat neue Erzfeinde des Nerd-Auges auf den Plan gerufen. Ich rede z.B. vom Banding, das besonders bei schnell scrollenden Spielen wie FIFA auffällt. Es sind diese dünnen, verkackten vertikalen Linien, die sich auf dem Bildschirm abzeichnen und einem schlaflose Nächte bereiten, weil sie einfach das Vergnügen am Fernsehen zunichtemachen. Und hat man erst einmal
Clouding - der neue Erzfeind?

so etwas entdeckt, sieht man den Fehler immer wieder und kann einfach nicht die Augen davon lassen - auch wenn er gar nicht da ist. Wie ein schlimmer Verkehrsunfall, bei dem man auch nicht wegsehen kann.

Mindestens genauso nervig sind Dinge wie Clouding - ein Begriff, der einem früher auch nie übe die Lippen gekommen wäre. Viele LCDs und LEDs werden ja von den Ecken heraus beleuchtet. Ist es dunkel im Zimmer und bekommt man einen dunklen Ladebildschirm präsentiert, nimmt das Grauen seinen Lauf: Da sind sie, vereinzelte helle und dunkle Stellen auf dem Bildschirm. Eigentlich egal, im Spiel selbst sieht man so etwas ja nicht. Aber diese Bilder haben sich dann genau wie das Banding dermaßen in das geistige Auge gebrannt, dass man meint, sie ständig zu sehen. Sobald das Bild dunkel wird ertappt man sich dabei, wie man krampfhaft nach diesen Stellen sucht in der Hoffnung, sie dieses Mal nicht zu finden. Doch das ist natürlich Wunschdenken. Das Ganze hat schon etwas von sadistischer Selbstgeißelung.





Leb damit! Im Ergebnis gibt man sich ja doch irgendwann erschöpft mit einer Einstellung zufrieden und hat meist vergessen, warum man eigentlich anfing, etwas zu ändern. Und egal, welchen TV man sich heute zulegt - alle haben doch in gewissen Grenzen die gleiche Qualität. Aber es ist nun mal so: Als anspruchsvoller Zocker strebt man nach einem perfekten Bild um sicher zu sein, dass das liebste Hobby bestmöglich dargestellt wird. Dummerweise gibt es nun mal kein Zertifikat oder einen Experten für jeden Titel, der einem ein "Perfekt" attestiert - da muss man sich auf seine Augen verlassen.

Als Nerd erlebt man von Zeit zu Zeit diese besessene Suche nach dem letzten Quäntchen Qualität, das einen oft vom eigentlichen Spiel ablenkt. Und die heutigen TV´s bieten mit ihren Möglichkeiten ja auch genügend Optionen, herum zu probieren. Früher waren es nur Kontrast, Farbe und Helligkeit - wie war doch damals so manches einfacher.


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