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Review

Pyre

Bastion und Transistor sollten jedem Videospiel-Enthusiasten mit einem Faible für Indie-Games ein Begriff sein. Nun ist das renommierte Entwicklerstudio Supergiant Games zurück, um sein drittes Werk auf uns loszulassen. Während Bastion und Transistor sich, zumindest spielerisch, noch relativ ähnlich waren, hat das Studio sich mit Pyre komplett neu erfunden. Sie präsentieren uns diesmal einen einzigartigen und innovativen Mix aus RPG, Visual Novel und... Sportspiel? Ob das wohl gut gehen kann?

Was sind Genre-Grenzen?


In Pyre folgt der Spieler der Reise einer Gruppe Verstoßener auf ihrer Reise durch die Unterwelt, in die sie für ein vorheriges Vergehen verbannt wurden. In dieser Welt wurden Literatur sowie die Fähigkeit zu Lesen weitestgehend verboten. Nur wenige Personen sind deshalb imstande, das „Book of Rites“ zu entziffern. Dessen Verständnis ist essentiell dafür, aus der Downside auszubrechen und zurück in die Oberwelt zu gelangen. Ein Glück, dass der Spieler noch über die Fähigkeit zu Lesen verfügt und den Charakteren im Spiel in beratender Rolle zur Seite stehen kann. In Pyre steuert man also keinen physisch im Spiel dargestellten Charakter, sondern beeinflusst das Geschehen überwiegend, indem man, quasi aus der Ego-Perspektive, in Gesprächen interagiert und RPG-like die Wandertruppe der „Nightwings“ verwaltet.
Doch wozu das Ganze? Ziel des Spiels ist es, seine Truppe zum Sieg in sogenannten „Rites“ zu verhelfen, die unter Aufsicht der Götter aufgeführt werden. Je besser die Nightwings im Wettstreit gegen ihre rivalisierenden Teams abschneiden, desto wahrscheinlicher wird es für sie, eines Tages die Freiheit aus der Downside zu erlangen.



Das Gameplay des Spiels spaltet sich also strikt in zwei Hälften auf: Auf der einen Seite wäre da das Visual Novel-artige Gameplay, in dem sich der Spieler durch eine massive Anzahl von Dialogen wühlt, Entscheidungen trifft und optional seine freundschaftliche Beziehung zu anderen Charakteren vertiefen kann. Auf der anderen Seite steht das Gameplay der Rites, in dem jeweils drei Charaktere pro Team, ähnlich wie in einem Sportspiel gegeneinander antreten. Am ehesten könnte man diese Rituale wohl als eine Art Fantasy-Basketball beschreiben.

Im handlungsorientierten Teil des Spiels reist man also durch die Landschaft; immer auf der Suche nach neuen Rivalen und neuen Kumpanen für das eigene Team. Der Karren der Nightwings wird dabei, ähnlich wie in The Banner Saga, nur durch Befehle des Spielers gesteuert und lässt sich für den größten Teil des Spiels nicht manuell bewegen. Der Fokus liegt in diesem Teil des Spiels ganz klar auf den unzähligen Dialogen und Texten, mit denen der Spieler geradezu erschlagen wird. Pyre ist ein absolutes Fest für Fans ausführlich erzählter Geschichten und detaillierter Fantasy-Universen. Zu Beginn des Spiels kann all das Worldbuilding, mitsamt seiner vielen fiktiven Fremdwörter, ein wenig überwältigend wirken. Die Entwickler waren aber zum Glück so rücksichtsvoll, jedes unbekannte Wort in den Dialogboxen rot zu markieren. Bewegt man den Cursor dann über eines dieser rot hervorgehobenen Fremdwörter, wird eine kurze Definition des Begriffs angezeigt. Ein solches System ist deutlich angenehmer und intuitiver, als ein ins Pause-Menü integrierter Glossar à la Final Fantasy XIII. Aber trotzdem bleibt all das neue Wissen, das den Spieler erwartet ein wenig überwältigend. Die wunderschön gezeichneten Standbilder, in denen sich das Spiel die meiste Zeit über repräsentiert, reichen außerdem nicht aus, um für sich alleinstehend ein ausreichendes Verständnis der Welt zu vermitteln. Pyre setzt also vom Spieler die Bereitschaft voraus, sich, vor allem am Anfang, aktiv durch ausgiebiges Lesen mit der Spielwelt vertraut zu machen. Neben den Pflichtdialogen der Story gibt es außerdem Tonnen optionaler Textinhalte in Form regelmäßiger Gespräche mit Teammitgliedern sowie durch die Lektüre des Book of Rites, welches quasi die Bibel der Welt von Pyre ist. Allein dieses Buch komplett zu durchblättern dürfte, je nach Lesegeschwindigkeit, mehrere Stunden in Anspruch nehmen.
Konzentriert der Spieler sich ausschließlich auf die Pflichtdialoge, die ihm aufgezwungen werden, sollte das aber immer noch ausreichen, um ein angemessenes Verständnis der Welt von Pyre zu erlangen. Allerdings bleibt bei einem solchen Vorgehen die wahre Qualität der Erzählung weitestgehend verwehrt.



Und das wäre äußerst schade, denn die Erzählung von Pyre ist definitiv der Hauptaspekt des Spiels. Nicht nur ist sie überaus kreativ und ausführlich geschrieben. Auch die englische Sprache, in der sie verfasst ist, ist stilistisch unglaublich faszinierend und qualitativ weit über dem durchschnittlichen Spiele-Writing anzusiedeln. Jeder Charakter hat seine eigene Redensart – von jovialer Umgangssprache, bis zu beinahe schon Shakespeare-haften Tönen, ist hier alles auf authentische Weise vertreten. Leider kommt Pyre, vermutlich aufgrund der schieren Masse an Text, bisher ohne deutsche Übersetzung daher. Und auch deutsche Spieler, die der englischen Sprache mächtig sind, sollten im Falle von Pyre mindestens über Englischkenntnisse auf Oberstufenniveau verfügen, um das Spiel problemlos genießen zu können.

Der wahre Schlüsselfaktor der Erzählung von Pyre ist, auf welche Weise der Spieler die Handlung beeinflussen kann. Er darf nämlich nicht nur, wie in anderen Spielen üblich, Dialogantworten oder zukünftige Reiseziele der Truppe auswählen. Stattdessen spielt auch das Ergebnis jedes Rites, in denen die Nightwings antreten, eine Rolle. Es gibt in Pyres Sportspiel nämlich keinen Game Over-Bildschirm – verliert das Spielerteam in einem der Wettstreite, geht der Sieg an die gegnerische Mannschaft - und das bleibt dann auch so. Im Klartext bedeutet das, dass die Handlung des Spiels sich jedes Mal verändert, je nachdem, ob der Spieler siegreich war oder nicht. Bisher gibt es kein anderes populäres Spiel, welches eine solche Handlungsprogression derartig konsequent umsetzt. Auch das Ende des Spiels variiert äußerst stark, je nachdem, wie der Spieler sich im Spiel geschlagen hat und welche Entscheidungen er getroffen hat.
Bedauernswert ist allerdings, dass der Einfluss des Spielers in der Kampagne sich größtenteils auf die Erzählung selbst und nur in geringem Maße auf das Gameplay auswirkt. Bis auf einige Ausrüstungsgegenstände oder temporäre Erhöhungen der Statuswerte für Teammitglieder, lässt sich durch die Entscheidungen des Spielers in Pyre nicht viel erreichen.


Fantasy NBA Jam






Die Rites selbst spielen sich erstaunlich ähnlich wie ein reales Basketballspiel... zumindest auf den ersten Blick. Die drei Charaktere der antretenden Teams müssen in den Rites einen leuchten Orb in das Feuer am anderen Ende des Spielfelds befördern. Jeder Charakter bringt bestimmte Stärken, Schwächen und Fähigkeiten mit sich, die es geschickt einzusetzen gilt. Einige Charaktere sind unheimlich schnell und wendig, während andere langsam und brachial sind. Dabei verfügen sie alle über eine sie kreisförmig umgebende Aura, die sie sowohl defensiv, als auch offensiv in Form einer Schockwelle, einsetzen dürfen. Darüber hinaus haben einige Charaktere individuelle Tricks auf Lager. Zum Beispiel die Fähigkeit zu fliegen oder sich in einer gewaltigen Explosion selbst zu zerstören und alle umstehenden Widersacher mit ins Verderben zu reißen.
Charaktere, die den Bildschirmtod erleiden bleiben allerdings nicht lange abwesend. Nach wenigen Sekunden kehren sie bereits zurück und haben erneut die Möglichkeit, dem Gegner auf die Pelle zu rücken. Jeder, der in seinem Leben schon mal ein mannschaftsorientiertes Sport-Videospiel gespielt hat, wird sich in Pyre recht schnell zurechtfinden. Das Rite-Gameplay bietet ein angemessenes Maß an Tiefe, sobald man sich erstmal etwas eingefuchst hat. Allerdings fühlt die Steuerung der Charaktere sich in hektischen Situationen ein wenig zu träge an.
Der Erfolg in den Ritualen hängt aber ohnehin nicht ausschließlich von den motorischen Fähigkeiten des Spielers ab. Jeder Charakter erlangt im Spielverlauf durch Level-Ups regelmäßig neue Fähigkeiten, die sein bestehendes Repertoire sinnvoll erweitern und ihn stärker von den anderen Charakteren abheben. Auch die optional auffindbaren Ausrüstungsgegenstände können genutzt werden, um Charaktere nach den eigenen Vorlieben anzupassen.

Als kleines Schmankerl am Rande haben Supergiant Games einen klassischen Versus-Modus in ihr Spiel eingebaut, in dem zwei Spieler vor derselben Konsole offline gegeneinander antreten dürfen. Hier stehen ihnen einige Anpassungsoptionen, sowie sämtliche wichtigen Charaktere der Hauptstory – auch die, die im Einzelspielermodus nicht spielbar waren – zur Verfügung.

Das Rite-Gameplay ist durchaus solide und vor allem durch seine Integration in den Rest des Spiels interessant. Es bietet, zumindest im schweren Schwierigkeitsgrad, eine angemessene Herausforderung und Spieltiefe, die durchaus zu unterhalten wissen. Trotzdem dürften die Rites nicht der Grund sein, aus dem die meisten Spieler Pyre spielen. In der Einzelspieler-Kampagne machen sie nur geschätzt 10-15% der Gesamtspielzeit aus und dienen somit eher als dramatische Höhepunkte in der Erzählung, statt als einer der Hauptaspekte des Spiels. Als solche Höhepunkte sind sie aber äußerst gelungen.

Zur Haupthandlung des Spiels sollte noch gesagt werden, dass es durchaus ein wenig dauern kann, bis die Geschichte wirklich Fahrt aufnimmt. Wer sich während der ersten zwei bis drei Stunden gelangweilt fühlt, sollte sich bewusst sein, dass die wahrhaft großartigen Momente von Pyre erst ab dem zweiten Drittel des Spiels beginnen. Diese etwas zähe Exposition sowie das generell äußerst langsame Tempo des Spiels sind die beiden größten Kritikpunkte an Pyre und dürften viele ungeduldigere Spieler abschrecken.


Wie ein bewegtes Gemälde


Wer schon die vorherigen Spiele von Supergiant Games gespielt hat, den dürfte es nicht wundern, dass auch Pyre visuell mit dem üblichen handgezeichneten Stil daherkommt. Noch mehr als in Bastion und Transistor ist jeder Frame von Pyre absolut bezaubernd. Die Charakterdesigns strotzen vor Kreativität sowie Persönlichkeit und jede Zeichnung einer Landschaft könnte auch als bewegtes Gemälde durchgehen. Da ist es umso schöner, dass Pyre auf der PS4 Pro sogar in nativem 4K läuft.

Auch der Soundtrack von Supergiant-Stammkomponist Darren Korb ist grandios wie eh und je. Vor allem die Songs mit Gesang von Ashley Barrett, die man bereits aus Transistor kennt, sind erneut ein Höhepunkt. Schade ist lediglich, dass die Abmischung nicht ganz so gut ist, wie der Soundtrack selbst. So wird die Musik nämlich jedes Mal auf auffällige Weise in den Hintergrund ausgeblendet, sobald auch nur der kleineste Soundeffekt abgespielt wird. Besonders während der Kauderwelsch-Sprachsamples der Charaktere sowie der großartigen englischen Sprachausgabe des Kommentators während der Rites schwankt die Hintergrundmusik ständig zwischen laut und leise. Das geht zuweilen so weit, dass eigentlich großartige Musikstücke durch diese furchtbare Abmischung komplett verunstaltet werden. Hoffentlich nimmt Supergiant Games sich diesem simplen, aber gravierenden Problem in Zukunft per Patch an.

Auf der Spieleinfoseite zu Pyre habe ich diesmal übrigens einige Bilder in 1080p hinzugefügt, damit ihr sehen könnt, wie schön Pyre wirklich ist. (Bild 11-20)

Pro:


+ einzigartige Geschichte in erstklassigem fiktiven Universum
+ Interaktion zwischen Charakteren ist äußerst authentisch
+ Spieler wird als Ingame-Berater sinnvoll in die Handlung integriert
+ einzigartige Handlungsprogression
+ emotional und erinnerungswürdig
+ gekonnter Einsatz der Rites als Höhepunkte der Handlung
+ spaßiges und kurzweiliges Rite-Gameplay mit angemessenem Tiefgang
+ visuell eines der hübschesten Spiele der letzten Jahre
+ großartiger Soundtrack

Contra:


- unvorteilhafter Audiomix zwischen Musik und Soundeffekten
- keine deutsche Übersetzung,
trotz überdurchschnittlich anspruchsvoller englischer Sprache
- erfordert ein hohes Maß an Ausdauer vom Spieler
- Steuerung der Rites könnte direkter und intuitiver sein
- Steuerung der narrativen Abschnitte per Cursor
ist auf Konsolen unvorteilhaft und umständlich

Supergiant Games erfinden sich neu

Pyre ist so ambitioniert, wie es einzigartig ist. Der Mix verschiedener Genres funktioniert hervorragend und ergibt ein aufregendes Gesamtwerk. Vor allem die flexible Progression der Handlung, basierend auf den Leistungen des Spielers ist eine Innovation, die in Zukunft unzählige andere Spiele aufgreifen sollten. Auf der Ebene des Writings ist Pyre ein Spiel, das sich, sowohl inhaltlich, als auch stilistisch nicht vor großen Werken der Fantasy-Literatur zu verstecken braucht. Es erzählt eine aufregende und detailverliebte Geschichte, die den Spieler an vielen Stellen mit Themen und Situationen konfrontiert, die ihn zum Nachdenken anregen.

Durch all den ausschweifenden Text kann Pyre aber auch, vor allem zu Beginn des Spiels, ein wenig zäh sein. Für Spieler mit viel Geduld und Ausdauer dürfte es absolut kein Problem darstellen, die circa zehnstündige Kampagne von Pyre zu genießen. Wer allerdings ein Problem mit sehr textlastigen Spielen hat, wird in Pyre auf eine harte Probe gestellt.

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