Einführung
Nach der Generalüberholung in Sachen Defense (2004) und Offense (2005) erwartet uns ein abermals generalüberholtes Madden 06 auf der XBOX 360. Größere Abstriche in Punkto Umfang und Gameplay in der XBOX 360 Fassung deuten darauf hin, dass die Entwicklungszeit zu kurz war um ein so komplexes und umfangreiches Spiel wie das Madden-Franchise grundlegend neu zu entwickeln.
Gameplay
Madden 06 ist unter der Haube, bzw. im eigentlichen Spiel, grundlegend identisch zur XBOX- und PS2-Variante, jedoch mit einigen merklichen Änderungen. Die offensichtlichste Änderung betrifft die Menüs, die deutlich aufgeräumter und strukturierter daher kommen. Für Madden-Veteranen ist zwar zuerst einige Umstellung nötig, aber mit etwas Eingewöhnung möchte man die neuen Strukturen nicht mehr missen. So können Spielzüge nun nicht nur anhand der Formationen sondern auch anhand des Play Types oder auch anhand des Schlüsselspielers auswählen, d.h. man kann diverse Situationen spielen (Langer Pass, Lauf, Trick-Spielzug usw.) oder einen bestimmten Spieler anspielen (Running Back, Wide Receiver, Full Back oder Tight End). Weiterhin stehen Funktionen zur Verfügung den All-Star John Madden nach seiner Meinung zu fragen welcher Spielzug seines Erachtens der beste wäre, oder aber auch den eigenen Coach. Erfahrene Spieler werden letztere Optionen jedoch nicht wahrnehmen. Einsteiger können aufgrund der neuen Möglichkeiten leichter ins Spiel finden.
Wer den Madden-Konkurrenten des letzten Jahres ESPN NFL 2k5 gespielt hat wird eine weitere Änderung erfreulich zur Kenntniss nehmen: Das Kick-System wurde über den Haufen geworfen. Nach etliche Jahren zielt man nun indem man den von Seite zu Seite wandernden Pfeil per Knopfdruck an der gewünschten Richtung anhält. Die Stärke des Kicks bestimmt man nun indem eine auf- und absteigende Leiste gestoppt werden muss.
Weitere Neuerungen sucht man vergebens. Die restlichen Änderungen beziehen sich auf K.I.-technische Änderungen, oder aber auf das entfernen von Features, aber lest selbst:
Die bislang grandiose Ballphysik scheint von grund auf neu programmiert zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Ball beim Aufprallen auf den Boden grundsätzlich in Flugrichtung springt. Jeder der schonmal einen Football geworfen hat kennt die Unberechenbarkeit beim Aufkommen. Zudem kommt es zu sehr seltsamen Situationen wenn eine Gruppe Spieler den Ball versucht zu fangen/abzuwehren. Der Ball springt von einem Spieler zum andern und in seltenen Fälle fängt der Receiver den Ball obwohl er zuvor abgeblockt wurde nur weil er einige Sekunden unrealistisch durch die Luft wirbelte.
Das defensive Playmaker-System wurde ebenfalls entfernt. Profis haben dies ausführlich genutzt und werden es vermissen. Leider sind einige Funktionen an dieses System gekoppelt die nun schmerzlich auch von allen anderen Spielern vermisst werden. So kann man nicht darauf reagieren, das die gegnerischen Wide Receiver auf anderen Positionen als die eigenen Passverteidiger stehen. Immerhin kann man weiterhin die Linienverteidigung per Tastendruck verschieben und Audibles ausrufen.
Die Quaterback Vision, welche in Madden 06 für XBOX und PS2 Einzug hielt, ist auch in der XBOX 360 Fassung vorhanden, jedoch ist sie standardmässig deaktiviert. Wer das Feature nutzen möchte, muss nach dem Snap lediglich den rechten Analogstick verwenden.
Ärgerlich ist auch die Tatsache das die Challenges, also das Veranlassen von Überprüfung eines Spielzuges durch den Schiedsrichter, komplett entfernt wurde. In der Vergangenheit hat dieses Feature doch so einige Spiele entscheidend beeinflusst, positiv wie negativ. Diesmal kann man sich lediglich ärgern, wenn die letzten Inches fehlen, man aber sicher ist der Running Back hat die Endzone schon erreicht. Jeder der NFL-Football verfolgt kennt die Wichtigkeit der Challanges.
Es gibt noch weitere negative Auffälligkeiten bei Madden 06: Der Schwierigkeitsgrad scheint entweder gar keinen Einfluss zu nehmen, bzw. überhaupt nicht vorhanden zu sein, oder aber er ist ganz deutlich zurückgestuft worden. Einsteiger werden dies vielleicht begrüßen, Madden Veteranen werden wenn überhaupt - erst im All-Madden-Modus gefordert. Das Passspiel geht zwar deutlich leichter von der Hand, aber das fast jeder unmögliche Pass von starken Receivern gefangen wird ist einfach unrealistisch.
Notiz am Rande: Ein dicker Bug hat sich in das Programm geschlichen! Verletzt sich ein Spieler wird die Zeit angehalten. Nachdem der Spieler vom Feld gegangen ist, läuft die Spielzeit wieder runter. Die Zeit für den Spielzug bleibt jedoch auf 40 Sekunden stehen. Somit könnte man die Zeit bei einer Führung einfach runterlaufen lassen.
Die Änderungen außerhalb des Spielfeldes sind auch Reduzierungen statt wirklicher Neuerungen: Der Franchise Mode wurde um den Owner Mode gekürzt. Man kann nun keine Marketing-Maßnahmen ergreifen oder Ticketpreise anpassen. Zudem wurde das E-Mail-System ebenfalls gestrichen und die neuesten Meldungen und Informationen über das eigene Team und den nächsten Gegner muss man sich mühevoll selbst zusammesuchen. Auch die liebgewonnene Tony Bruno Radio Show und die Zeitungsmeldungen wurden ersatzlos gestrichen. Die Komplexität des Franchise Mode geht damit einen riesigen Schritt in die falsche Richtung.
Fraglich ist auch, warum es eine Auto-Save-Funktion gibt, wenn diese nicht genutzt wird. Im Test wurden Profile nur in Quick- und Online-Plays aktualisiert, aber nicht im Franchise-Modus.
Profis werden zudem die Mini-Camps vermissen. Diese dienten dazu die eigenen Fähigkeiten zu verbessern und die diversen Formationen und Spielzüge zu lernen. Der komplette Trainingspart ist aus dem Spiel entfernt worden.
Leider gibt es neben dem Franchise Mode auch nur noch das Quick Play und den XBOX Live Modus, der sich aber auch auf einfache Spiele beschränkt, Ligaspiele sind nicht möglich. Auch der noch in der XBOX- und PS2-Version hochgehandelte Superstar-Modus wurde nicht übernommen.
Nachdem in den letzten Jahren die Mannschaften der NFL-Europe integriert waren, sind diese auf der XBOX 360 nicht mehr zu finden. Schade für europäische und vor allem deutsche American Football Fans.
Ihr seht: Madden 06 auf der XBOX 360 glänzt nicht vor Neuerung, sondern lässt liebgewonnene (und weniger liebgewonnene) Features und Spielmodi vermissen. Unverständlich warum so viele Features auf einmal entfernt wurden. Scheinbar hat die Entwicklungszeit wirklich nicht ausgereicht und man wollte zum Launch der 360 unbedingt das Spiel herausbringen. Madden 06 beschränkt sich in der NextGen-Fassung auf das Grundlegende.
Grafiken
Die Grafik des Spiels ist das Sahnestück und die wohl einzige herausragende positive Neuerung des Spiels. Die Spielermodelle und Stadien sehen großartig aus. An den glänzenden, aber von Dreck und Schrammen gebeutelten Trikots und Helmen kann man sich einfach nicht satt sehen. Zudem wurden viele Spieler ihren realen Vorbildern 1:1 nachempfunden. So kann man Air McNair, Peyton Manning, Jamal Lewis und Co. einwandfrei identifizieren anhand ihrer Gesichtzüge. Zudem werden Arme und sonstige Körperteile ihren Vorbildern täuschend echt nachempfunden. Vielleicht hat man es mit den Schweißeffekten etwas übertrieben. Manchmal glänzt die Haut der Spieler doch zu sehr. Zudem wurden auch die Augen animiert, diese sehen aber doch sehr leblos aus und die Pupillen rutschen manchmal unter die Augenlieder, was zu sehr merkwürdigen Anblicken führt.
Die Animationen der Spieler sind zudem sehr schön anzusehen und sind sehr real. Hier wurden viele neue Animationstufen hinzugefügt und auch komplett neue Animationen. Leider ist die Kollisionsabfrage in wenigen Ausnahmen fehlerhaft und ein Tackle das den Gegenspieler nicht ganz erreicht hat, bringt diesen dennoch zu Boden. Dies kommt aber wirklich nur selten vor und stört nicht weiter.
Die Präsentation von Madden ist wie immer brilliant. Zwischen den Spielzügen sieht man Spieler miteinander plauschen oder sich auch mal Beschimpfen, Spieler feiern gelungene Spielzüge oder ärgern sich über fallengelassenen Pässe. Die Zeit zwischen zwei Spielzügen wird damit wunderbar überbrückt und man kann sich daran kaum satt sehen. Die von EA exklusiv aufgekaufte ESPN-Lizenz ist noch immer nicht im Spiel vorhanden. ESPN NFL 2k5 hat im letzten Jahr gezeigt was man daraus machen kann. Dieses Jahr fehlt weiterhin jeglicher Stil einer TV-Übertragung, hoffen wir darauf im nächsten Jahr und eine möglicherweise noch deutlich bessere Präsentation.
Die Tribünen der Stadien sind erstmals durch Polygon-Zuschauer bevölkert. Diese sind zwar nicht sehr detailliert geraten, jedoch wirken die Stadion deutlich lebendiger und größer als bislang. Die Atmosphäre kommt so nochmals deutlich besser rüber.
Die Menüs sind grafisch wie immer relativ schlicht, aber funktionell gehalten.
Sound
John Madden ist out! Ja, richtig gelesen. Der All-Star gibt nicht einen Kommentar in der neuen Ausgabe preis. Einige mögen erleichtert aufatmen, andere werden die sympatischen und meist passenden Kommentare aber aus atmosphärischer Sicht vermissen. Ersetzt wurde der Kommentator (und sein Co.) durch eine Art Radiosprecher. Dieser kommentiert die Spielszenen live anhand dessen was gerade auf dem Spielfeld passiert. Die Kommentare sind aber eher langweilig und wirken sehr unpassend in der Art und Weise wie sie als Radiostimme eingespielt werden. Zudem gibt es den einen oder anderen Versprecher. So spielt bei den Steelers nicht McNabb als Quarterback sondern Roethlisberger, was der namenlose Kommentator jedoch gerne falsch wiedergibt. Immerhin hört man zwischen den Spielzügen den Stadionsprecher, der zwar nicht durch Enthusiasmus auffällt, aber die Atmosphäre zusätzlich verstärkt.
Steuerung
Die Steuerung wurde auf das neue Gamepad angepasst. Nicht alle Änderungen sind hier nachvollziehbar, aber mit etwas Gewöhnung geht sie locker von der Hand. Leider wurden einige Tastenbelegungen ersatzlos gestrichen. Der Stiff Arm wurde auf eine Taste reduziert. Nun wird die Richtung vom Programm vorgegeben. Ist diese Änderung noch in Ordnung, so vermisst man bei der Auswahl der Spieler eine Zurück-Taste. Man kann die Spieler nur in eine Richtung wechseln. Hat man den entsprechende Spieler überklickt, so kommt man in Hektik da alle Spieler wieder durchgeklickt werden müssen. Dies ist aber so ziemlich die einzige negative Auffälligkeit der Steuerung.
Online
Eine Wertung des Online-Modus ersparen wir uns. Zum einen gibt es lediglich einfache Spiele gegeneinander und keine Ligen, zum andern waren quasi keine Online-Partien möglich. Die Verbindungen waren schlecht und das Spiel hat gestockt! Dies lag nicht an der Testverbindung, sondern an den eigenen EA-Servern, die ausschliesslich in den USA stehen und von Deutschland aus schlecht erreichbar sind. Hätte EA nicht als einziger Publisher drauf bestanden eine eigene Serverstruktur zu verwenden, wäre das dem Spiel erträglicher gewesen. So ist der Multiplayer-Modus nur lokal mit Freunden nutzbar.