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Dating-Simulationen sind aktuell wieder im Trend - Insbesondere das koreanische Love and Deepspace von den Infinity-Nikki-Machern bricht derzeit weltweit alle Genre-Rekorde und zieht andere Genrevertreter in seinem Windschatten mit. Im Jahr 2022 wurde auch die Visual Novel „Needy Streamer Overload“ ein Überraschungshit, das hinter der pinken Fassade dunkle Themen ansprach und gelegentlich in den Horror abdriftete. Auch das Anime-Style-Horror-Dating-Adventure MiSide konnte seit Dezember 2024 durch seine eigene Erzählweise einige Fans gewinnen.
Mitten zwischen diese Spiele platziert sich „I Hate My Waifu Streamer“ des Indie-Studios Nozori Games, das klassische asiatische Visual Novels mit Entscheidungsfreiheit und mehreren Story-Verläufen, einer unschuldigen Fassade und einigen psychologischen Horror-Elementen kombiniert.
Gesellschaftskritik in einer bunten Verpackung
Dass das Spiel nicht harmlos wird, verrät das 2-Personen-Entwicklerteam direkt vorab: Sie verarbeiten mit diesem Spiel die eigenen traumatischen Erfahrungen mit Online-Mobbing und Morddrohungen, nachdem der Storycontent ihres letzten Spiels nicht die von Fans erwünschte Wendung genommen hat. Ein Thema, das in der aktuellen Zeit wichtiger ist als je zuvor, denn immer wieder müssen selbst große Videospielefirmen ihre Mitarbeiter:innen vor Cyber-Bullying und Morddrohungen schützen - zuletzt etwa Capcom nach einem vergeigten Monster Hunter Patch.
Auch die parasozialen Beziehungen zwischen Streamern, Content-Creatorn und ihren Fans werden immer wieder kritisch aufgegriffen: In einer anonymen Online-Welt, in der jeder versucht, auf Social Media die Deutungshoheit zu gewinnen, bleibt nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch die Wahrheit oft auf der Strecke - manchmal mit fatalen Folgen.
Notice me, Streamer!
Ihr übernehmt in „I Hate My Waifu Streamer“ die Rolle eines Fans, der den Aufstieg der aufstrebenden Streamerin „Mio“ (ミオ) begleitet - euer Ziel ist, in nur 5 Tagen ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, bevor es jemand anderes tut. Dazu ist der Grind in einem recht generischen Minispiel tagsüber unerlässlich, um Geld zu verdienen - außer ihr habt Glück beim Glücks- und Kartenspiel.
Das Geld hilft abends, die Aufmerksamkeit mit regelmäßigen Spenden im Stream zu erlangen. Aber auch zuhören, Social Media Posts begleiten, die richtigen Fragen stellen und die passenden Geschenke aussuchen können euch aus der Masse hervorstechen lassen. Wie ihr die Aufmerksamkeit erregt, bleibt euch überlassen - allerdings schauen euch je nach Route tausende bis zehntausende weitere virtuelle Fans ganz genau zu und kommentieren eure Entscheidungen, die auch großen Einfluss auf den Verlauf der Story haben.
Vielfältige Routen mit deutlich unterschiedlichen Enden
Die verschiedenen Routen sind enorm vielfältig, manche davon sehr intensiv und emotional - von einer klassischen Dating-Sim über eine Yandere-Route, einer Hacker-Story bis hin zum oben genannten Cyber-Bullying und einem Mordkomplott-Thriller hat das Spiel für den geringen Preis von 10 € viel zu bieten.
Für Achievement-Sammler sind bis zu 15 Stunden Spielzeit drin. Doch die kleine Größe des Entwicklerteams macht sich leider spätestens im dritten Durchlauf bemerkbar - mehrere Routen kommen sehr schnell zum Ende und hinterlassen neben einem bitteren Beigeschmack nur einen Erfolg in der Steam-Bibliothek.
Hate me, Love me, Break me, Pay me
Fast jede Route gibt mehr Informationen über die Lore des Spiels und den psychischen Zustand des virtuellen Ichs und der Streamerin Mio. So wird über die Zeit klar, warum der Spieler unbedingt die Aufmerksamkeit der Streamerin haben möchte und warum er immer wieder dunkle Flashbacks mit einem Bild eines jungen Mädchens hat. Auch Streamerin Mio versteckt hinter der perfekt gestylten Fassade und der freundlich-verspielten Persönlichkeit einige dunkle Geheimnisse, die man ihr durch gezieltes Verhalten im Stream entlocken kann - wie beispielsweise die Nachteile ihres Internet-Ruhms, etwa mehrere psychisch labile Fans. Besonders interessant sind Routen, die eine Eigendynamik entwickeln und aufgrund der Mob-Mentalität außer Kontrolle geraten - insbesondere im Social Media- und Entertainment- Kontext.
Ein für Mio positives Ende wird beispielsweise nach Gerüchten erreicht, die sie als „ein leichtes Mädchen“ darstellen - ab hier spenden auch andere Stream-Zuschauer ordentlich Geld. Aber auch die Hater-Routen nehmen die ein oder andere unerwartete Wendung.