Nach der Verschiebung von GTA VI gab es Gerüchte um die bevorstehende Veröffentlichung eines GTA IV-Remasters, um die entstandene Veröffentlichungslücke für Take Two Interactive zu füllen. Als Folge davon gibt es erneut Debatten über die zunehmende Bedeutung von Remaster-Spielen in der aktuellen Gaming-Landschaft.
Immer mehr Remaster statt kreative neue Titel
Die aktuelle Konsolengeneration hat bereits zahlreiche Remaster erlebt. Von der überraschenden Neuauflage von The Elder Scrolls: Oblivion bis zur erneuten Wiederveröffentlichung von Titeln wie The Last of Us und Grand Theft Auto V: Remaster sind ein fester Bestandteil des jährlichen Release-Kalenders großer Publisher geworden, um die Zeit bis zur Veröffentlichung des nächsten großen Titels zu überbrücken. GTA V zählt auch 12 Jahre nach Erstveröffentlichung weiterhin zu den beliebtesten Spiele und das Remaster von Oblivion verkaufte sich millionenfach.
Als Folge davon beklagen sich Gamer zunehmend über den Mangel an neuen, originellen Titeln auf dem Markt. Selbst ein neuer Konsolenlaunch ermutigt Publisher kaum noch, mehr Risiken einzugehen: Abseits von Donkey Kong Bananza und Drag X Drive gibt es auch auf der kürzlich erschienenen Nintendo Switch 2 kaum noch neue und innovative Titel. Kostenpflichtige 4k-Patches oder aufgewertete Ports alter PS4-Spiele sind deutlich in der Überzahl. Es wirkt fast so, als ob der Kauf und das Spielen von Remaster-Titeln zu einer gewissen Stagnation im Gamingmarkt führen.
Der Aufwand, der in moderne Remaster gesteckt wird, variiert dabei stark. Oblivion zum Beispiel wurde grafisch komplett neu aufgebaut und auf eine völlig neue Engine portiert. Es ist bis heute das optisch beeindruckendste Spiel, das Bethesda je veröffentlicht hat. Trotz der grafischen Überarbeitung hat Bethesda klugerweise die ursprüngliche Logik des Spiels beibehalten und so die Eigenheiten und teils unbeholfenen Interaktionen erhalten, die das Spiel so charmant machen. Die gleichen NPCs sind weiterhin vorhanden – jene Figuren, die den Begriff „NPC“ überhaupt erst in den modernen Sprachgebrauch der jüngeren Generationen gebracht haben. Am anderen Ende des Spektrums steht Grand Theft Auto. GTA V war zwar auf der Xbox 360 und Playstation 3 am unteren Ende der grafischen Möglichkeiten des Titels angesiedelt. Doch in den letzten beiden Konsolengenerationen wurde GTA V immer wieder mit nur kleineren grafischen und Komfort-Verbesserungen neu aufgelegt. Oblivion hingegen wirkt wie ein völlig neues Spiel, wirkt aber weniger optimiert als viele neue Titel.
Remaster lösen ein Problem – und schaffen ein neues
Auf den ersten Blick machen Remaster sowohl für die Konsumenten als auch für Publisher Sinn. Ein fünfzehn Jahre altes Spiel neu aufzulegen, gibt den Menschen eine praktische Möglichkeit, etwas erneut zu erleben, das sie damals schon liebten. Remaster ermöglichen es, auch ohne Abwärtskompatibilität zu einer 15 Jahre alten Konsole die beliebten Titel der damaligen Zeit zu spielen. Dennoch schmerzt es immer ein wenig, nahezu vollpreis für etwas zu zahlen, das man früher bereits zum Vollpreis erworben hat. Auf Publisherseite ist es gleichzeitig eine Möglichkeit, um den Umsatz zu steigern, ohne dem Konsumenten wirklich etwas Neues zu bieten.
Remaster und Remakes sind in der Unterhaltungsindustrie nichts Neues. Hollywood verfilmt seit Jahrzehnten dieselben Geschichten in neuem Setting und rebootet immer wieder die gleichen Franchises. Remasters im Videospielbereich sind ein jüngeres Phänomen, da Videospiele erst in den späten 90-er Jahren eine größere Relevanz im Mainstream erhielten. Remaster sind unausweichlich: es braucht nur den technischen Fortschritt und eine ältere Spielergeneration, um sie wirtschaftlich sinnvoll zu machen. Dennoch unterscheiden sich Hollywood-Remakes von Videospiel-Remasters: Remakes erfordern die Produktion eines einen komplett neuen Films. Im Gegensatz zu Hollywood-Remakes sind Videospiel-Remaster häufig exakt dasselbe Spiel wie das Original, nur mit einigen grafischen und Updates. Es gibt keine Änderungen an der Formel, keine großen Änderungen an der Handlung und keine grundlegenden Unterschiede im Gameplay. Spiele wie Call of Duty und EA FC sind dagegen die Marvel-Filme der Gamingbranche - nicht die Top-Titel auf die man gespannt wartet, aber immerhin gibt es jedes Jahr ein paar unterhaltsame Veränderungen.
Das Problem mit dem „Live-Service“-Modell
Spiele wie Fortnite, Roblox und Minecraft sind ebenfalls Teil des Problems. Die Originalspiele existieren inzwischen seit über 10 Jahren, die Grafik und das UI werden immer wieder lauwarm aufgewärmt. Es sind „lebendige“ Spiele, die sich dank der langfristigen Einnahmen ständig weiterentwickeln. Dank des kostenlosen Einstiegs können auch jederzeit neue Spieler ohne große EInstiegshürde auf unterschiedlichsten neuen Spieleplattformen mit abweichender Hardwareleistung neu dazustoßen. Dieser Ansatz macht in der heutigen Spielelandschaft Sinn. Da immer mehr Menschen digitale Versionen kaufen und Updates zur Norm werden, ist es sinnvoller, ein Spiel schrittweise zu verbessern, statt es veralten zu lassen und nach wenigen Jahren ein komplett neues Spiel zu entwickeln, wie es früher üblich war.
Der klassische Ansatz der Spieleentwicklung funktioniert zudem immer schlechter. Viele Spiele sind Multimillionenprojekte mit langen Entwicklungszeiten zwischen 3 und 4 Jahren. Neue Spiele bieten deshalb heute schon kurz nach Launch zahlreiche Mikrotransaktionen, obwohl sie 70 bis 80 Euro zum Release kosten. Die Mikrotransaktionen sollen sicherstellen, dass die Spiele auch lange Zeit nach dem Ursprungsrelease mit neuen Inhalten unterstützt werden. In der Praxis funktioniert das aber oft nicht, was immer häufiger Massenentlassungen oder Studioschließungen nach Millionenverlusten zur Folge hat. Der Markt konsolidiert sich zunehmend in Richtung weniger erfolgreicher Spiele mit Milliardenumsätzen, die die Verluste anderer Projekte auffangen sollen. Die ökonomische Entwicklung sowie globale Konflikte machen es vielen Spielern auch nicht gerade leicht, wie bisher regelmäßig neue Spiele zu kaufen: Immer mehr Menschen in der sogenannten "ersten Welt" arbeiten im Niedriglohnsektor ohne große finanzielle Rücklagen, während selbst Mittelklasse-Hardware aufgrund globaler Konflikte immer teurer wird - eine Entwicklung, die man in den letzten 3 Jahrzehnten nicht kannte.
Profit!
Die Videospielbranche steckt zwischen zwei Epochen fest. Der überwiegende Teil der großen Titel wird immer noch für eine einmalige Gebühr verkauft, die Zugang zum gesamten Spiel bietet. Weiteres Geld wird mit Onlineservices, Merchandise oder in der Regel kosmetischen In-Game Items generiert, um die steigenden Kosten in der Entwicklung und dem Betrieb zu kompensieren.
Doch das insbesondere bei den jüngeren Spielern beliebte Free-to-Play-Modell mit geringer finanzieller Einstiegshürde hat gezeigt, dass es durchaus profitabel ist, wenn sich ein Spiel sich über die Zeit entwickeln und verbessern kann.
Ein neu entwickeltes Spiel ohne Live-Service-Elemente langfristig am Leben zu halten, ohne dass es nach einigen Jahren im digitalen, unspielbaren Nirvana verschwindet, ist dagegen technisch möglich, aber meist unrentabel. Deshalb ist das klassische Spielemodell, das viele Gamer aus der Millenial-Generation oder früher zu lieben lernten, zunehmend vom Aussterben bedroht.