Einloggen

Du bist noch nicht bei consolewars registriert? Dann erstelle
jetzt ein Benutzerkonto!

Mobilewars statt Consolewars

Ist das Smartphone die verkannteste Gaming-Plattform von allen?

Mittwoch, 22. Februar 2017 um 17:26 von MeanMrMustard

Mobile Games gelten für viele als das Krebsgeschwür der modernen Videospielindustrie. Halsabschneiderische „Free to Play“-Bezahlpraktiken und Spiele, die gnadenlos auf den noch so anspruchlosesten Casualgamer zugeschnitten sind, sind das erste, woran viele Videospiel-Enthusiasten denken, wenn die Begriffe „Gaming“ und „Smartphone“ in einem Satz fallen – meist begleitet von einem genervten Stöhnen.

Dass vieles, was da in den App-Portalen auf iOS und Android passiert, nicht gerade förderlich für unser Hobby ist, will ich hier gar nicht bestreiten. Doch kann man nicht etwas daran ändern? Der Spielemarkt auf Smartphones ist ein verhältnismäßig junger und wenn man sich ein wenig mit ihm beschäftigt, ist dort einiges an Potenzial zu erkennen. Ich werde euch verraten, wieso:

High-End für die Hosentasche


Nicht jedes Mobile-Game sieht so
generisch aus wie Clash of Clans.
(Im Bild: Monument Valley)





Wir alle erinnern uns noch an die Spiele, die man vor der großen Smartphone-Wende auf seinen Mobiltelefonen gespielt hat. Das damals gebotene ging nicht weit über kurzweilige Spielerfahrungen ohne viel Tiefgang hinaus. Spiele wie Snake oder abgespeckte Versionen von Tetris und Pac-Man dominierten die Charts und die Werbeanzeigen von Jamba und jeder aktuelle Handheld war den jeweils aktuellen Mainstream-Mobiltelefonen haushoch überlegen. Wollte man halbwegs hochwertige Spiele mit Tiefgang spielen, war man also darauf angewiesen, dies auf einem den Telefonen (zumindest was Gaming angeht) in allen Punkten überlegenen Handheld zu tun. Dies war die Blütezeit von Gameboy Advance, Nintendo DS und Playstation Portable.
Doch dieser Markt hat sich geändert. Die stärkste Hardware für unterwegs findet man heute in den Telefonen, die wir jeden Tag fast rund um die Uhr mit uns herumschleppen. Selbst ambitionierte Power-Handhelds wie Sonys Playstation Vita wurden relativ schnell von der rapide stärker werdenden Smartphone-Hardware überholt.
Das Problem dabei ist, dass die Spiele-Software für Smartphones nicht mit der Hardware gewachsen ist – zumindest nicht in allen Belangen.


Meistens wirken visuell minimalistischere
Spiele in sich stimmiger als Grafikbomben
à la Infinity Blade. (Im Bild: Downwell)

Die Mainstream-Spielelandschaft auf Smartphones wird von simplen Spielen für zwischendurch dominiert. Schnell, kurzweilig und am besten so billig wie möglich müssen Smartphone-Games sein, um vom Mainstream angenommen zu werden. Doch die Frage ist: Wieso gehen ernstzunehmende, aufwendige Smartphone-Spiele neben den Giganten wie Clash of Clans oder Candy Crush Saga so gnadenlos unter?
Versteht mich nicht falsch – ich weiß, wie viel die Geldbeutel der Casual-Gamer wiegen und ich weiß, dass dieser gigantische Boom an Casual-Games unausweichlich ist. Doch wieso können wir nicht beides haben? Damals als plötzlich jeder Deutsche angefangen hat, auf seinem PC Moorhühner zu jagen, haben die Hardcore-Gamer doch auch nicht die Hände überm Kopf zusammengeschlagen und haben den PC als Plattform für Casual-Gaming abgetan.
Natürlich sind diese Situationen nicht komplett miteinander vergleichbar, aber ich hoffe, ihr versteht meinen Gedankengang. Der Punkt ist: Wo es Kundschaft gibt, gibt es auch einen Markt. Doch scheinbar ist ein Großteil dieser potenziellen Kundschaft aus Prinzip dagegen, Spiele auf einem Smartphone zu spielen oder mehr als 4,99€ für ein Spiel zu zahlen, wenn es sich „nur um eine App“ handelt. In diesem Fall muss man sich nicht wundern, dass ambitioniertere Projekte sich auf Smartphones nicht rentieren.
Stattdessen wird man geradezu zugeschmissen mit Milliarden von Billigproduktion, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Bei dieser Überhand von Shovelware fällt es am Ende schwer, die Spiele herauszufiltern, die tatsächlich spielenswert sind.





10€ für eine App? Das zahl ich nicht!






The Banner Saga bietet auf dem Tablet dieselbe Spielerfahrung
wie auf der Konsole oder dem PC.

Ich denke, es herrscht ein Irrglaube, dass Smartphone-Games ihren „großen“ Gegenstücken grundsätzlich unterlegen sind. Dass dem nicht so ist, sieht man bereits deutlich, wenn man sich Spiele wie The Banner Saga oder Severed anschaut, die fast 1:1 von großen Plattformen wie dem PC oder der PS4 auf Smartphone und Tablet portiert wurden. Es gibt im App Store dutzende Ports von PC- und Konsolenspielen, die sich zumindest ähnlich gut spielen lassen, wie mit Maus und Tastatur oder Controller. Einige Genres, wie zum Beispiel Point and Click-Adventures profitieren sogar von der neuen Eingabemethode. Das Fragwürdige an der ganzen Sache ist jedoch das Preismodell dieser Spiele.
Eben weil diese Spiele „nur“ Apps sind, kann man sie nicht für denselben Preis veröffentlichen, wie auf einer Konsole. So kostet beispielsweise The Banner Saga 2 im Playstation Store 19,99€, während es im App Store (wohlgemerkt nur knapp drei Monate später) für 4,99€ geradezu verramscht wird. Und das obwohl ich die iOS-Version für die der PS4-Version überlegene Version des Spiels halte.
Die wunderschöne handgezeichnete Grafik kommt auf dem Retina-Display des iPads wunderschön zur Geltung, die Steuerung in den taktischen Kämpfen fällt durch den Touchscreen ein wenig leichter sowie kann ich diese Version des Spiels immer und überall spielen. Dahingegen bin ich bei der PS4-Version an mein Sofa gefesselt.


Anfangs ein wenig befremdlich, ein RPG in der
Vertikalen zu spielen - später fällt auf, wie praktisch
die einhändige Bedienung des Spiels ist.


Ein prominentes Gegenbeispiel sind die Smartphone-Spiele von Square Enix. Die Remakes der Final Fantasy- und Dragon Quest-Reihen schlagen nämlich mit oftmals über 14,99€ zu Buche und gelten deshalb im allgemeinen Konsens als überteuert. Doch wir reden hier von hochwertig aufgearbeiteten Remakes einiger der größten Klassiker der Videospiel-Geschichte. (Wenn man mal die hässlichen Remakes von Final Fantasy V und VI ausklammert.) Und jedes dieser Spiele bietet seinem Käufer mindestens 30 Stunden Spielspaß. Wieso sollte man also nicht einen Preis von über 10€ für sie zahlen? Nur weil sie Apps auf einem Smartphone sind?
Es ist ein Teufelskreislauf: Entwickler trauen sich nicht, für ihre neuen Spiele mehr als 4,99€ zu verlangen, weil dieser Preis als die allgemein anerkannte Schmerzgrenze für Smartphone-Spiele gilt. Setzt man den Preis seines neuen Spiels bei über 5€ an, darf man nicht darauf hoffen, allzu viele Spontankäufe abzubekommen. Das Resultat dieser globalen preislichen Zurückhaltung ist, dass sich niemand mehr traut, sein Spiel für mehr als 5€ zu veröffentlichen, weil er dann direkt wie ein rostiger Nagel aus der Menge heraussticht. Denn wer würde schon ein Spiel für 10€ im App Store kaufen, wenn er dafür auch mehrere, praktisch gleichwertige Spiele in der 2,99-4,99€-Klasse bekommen kann?

Ich muss mir an dieser Stelle mal an die eigene Nase packen. Ich habe in den letzten Wochen mit dem Gedanken gespielt, mir Dragon Quest IV für mein iPhone zu laden. Das Spiel kostet im App Store 14,99€ und ich hatte wirklich extrem viel Lust drauf, das Spiel sofort zu spielen. Doch irgendetwas hat mich unterbewusst davon abgehalten, das Spiel zu kaufen. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, stattdessen lieber eine gebrauchte Nintendo DS-Version des Spiels zu kaufen, was mich etwa 40€ gekostet hätte.
Schließlich kam dann der alljährliche Square Enix-Sale zur Weihnachtszeit und das Spiel wurde auf 9,99€ runtergesetzt. Selbst dann habe ich noch wie ein Pfennigfuchser App Store-Guthaben mit 10%-Rabatt im Internet herausgesucht, mit dem ich mir das Spiel dann für effektiv ca. 9€ gekauft hab.
Und was ist das Ende der Geschichte? Ich liebe es, Dragon Quest IV auf meinem iPhone spielen zu können. Ich habe das Gerät immer und überall bei mir und ich kann sogar im U-Bahn-Tunnel, wenn die Bahn mal wieder etwas später kommt, noch eine spontane Grinding-Session einlegen – und das alles einhändig.


Mit den unsagbar hässlichen Remakes zu Final Fantasy V und VI hat
Square Enix sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert.


Ich bin großer Fan von Handheld-Gaming und schäme mich nicht, mich mit meinem 3DS oder meiner PS Vita im Feierabendverkehr in die Bahn zu setzen. Doch der Komfort, den Gaming auf dem Smartphone einem bietet, ist noch größer, als der, den klassische Handhelds mir bieten.
Natürlich wünsche ich mir nicht, dass klassisches Handheld-Gaming von der Bildfläche verschwindet – ganz im Gegenteil. Ich denke aber, dass Smartphone-Gaming und Handhelds, die einem eine konsolenähnliche Spielerfahrung bieten, wunderbar koexistieren können.
Zu einem gewissen Grad ist der Mobile Gaming-Markt vergleichbar mit Steam. Dies ist nämlich der Ort, an dem all die jungen Entwickler sind, die kreative und innovative Ideen in die Branche bringen. Es ist vergleichsweise einfach und billig, für Smartphones zu entwickeln und in den jeweiligen App Stores ist praktisch jeder aufstrebende Entwickler willkommen, solange sein Spiel kein völliges Wrack ist. So finden wir hier aufregende und unkonventionelle Spielideen wie Monument Valley oder Reigns, die es so wahrscheinlich auf keiner anderen Plattform gegeben hätte.
Auch das Massenphänomen Pokemon Go wäre mangels GPS und ständiger Internet-Anbindung auf keiner anderen Plattform möglich gewesen. Und ob es einem gefällt oder nicht – dieses Spiel wird eines der revolutionären Spiele sein, an die wir später zurückdenken, wenn wir daran denken, wie sich das Medium Videospiel in diesem Jahrzehnt weiterentwickelt hat.


Nicht alles, was keine Knöpfe hat, ist böse






Nach kurzer Eingewöhnungszeit lässt sich Sonic the Hedgehog 2
überrachend präzise steuern.

Das Fehlen der Knöpfe zur präziseren Bedienung wird bei einigen Smartphone-Spielen schmerzlich bewusst, wenn man mal wieder ein virtuelles Steuerkreuz für einen bockschweren Platformer wie Mega Man vorgesetzt bekommt. Doch die Schuld für diese Mängel liegt nicht bei der Plattform selbst, sondern bei den Entwicklern, die dachten, es sei eine gute Idee, präzisionsorientierte Action-Spiele auf ein Smartphone zu verfrachten.

Auch die Größe des Bildschirms ist bei einigen Smartphone-Spielen ein Problem. So sollte man Spiele wie den neulich erschienenen (und übrigens überaus gelungenen) Port des ersten Roller Coaster Tycoon besser auf einem Tablet oder zumindest auf einem Smartphone mit sehr großem Bildschirm spielen.

Doch man darf nicht vergessen, dass es auch innovative und großartige Spielkonzepte gibt, die wunderbar mit einem Touchscreen funktionieren oder sogar von ihm profitieren. So sind klassische Point and Click-Adventures oder Puzzle-Spiele geradezu dafür prädestiniert, auf einem Touchscreen gespielt zu werden.

Point & Click-Adventures wie Day of the Tentacle spielen sich auf
einem kapazitiven Touchscreen besser als je zuvor.


Und auch einige Spiele, die einen „virtuellen Controller“ benutzen, wie zum Beispiel langsame JRPGs à la Final Fantasy und Dragon Quest, lassen sich ohne Probleme mit einem Touchscreen steuern.
Es ist alles eine reine Gewöhnungssache. Als ich damals zum ersten Mal einen Ego-Shooter gespielt habe, dachte ich auch „das Laufen und Zielen mit den zwei Sticks werde ich nie beherrschen“ und heute ist es für mich wie Fahrradfahren. (Wer mir nicht glaubt, dass man es lernen kann, mit einem virtuellen Steuerkreuz zu spielen: Ich habe Sonic the Hedgehog, Sonic CD und Sonic the Hedgehog 2 auf meinem Handy durchgespielt, weil es dort die technisch besten Versionen dieser Spiele gibt – ja, so ein Verrückter bin ich.)
Und wer weiß, wie lange haptische Touchscreens noch auf sich warten lassen, auf denen wir die virtuellen Knöpfe dann tatsächlich in Form von Wölbungen auf dem Bildschirm fühlen können. Schließlich ist eine solche Technologie bereits seit mehreren Jahren in Entwicklung.


Wenn man es schon hat, warum nutzt man es nicht?





Wenn wir also alle schon diese Hardware-Monster sieben Tage die Woche, fast 24 Stunden am Tag mit uns herumtragen, wieso nutzen wir sie dann nicht auch zum Spielen? Ich weiß, dass ich hier niemanden bewegen werden kann, der partout dagegen ist, Spiele auf seinem Smartphone zu spielen – genauso, wie es Leute gibt, die partout nicht auf ihrem PC spielen wollen, obwohl Steam nur ein paar Mausklicks entfernt ist. (Zu letzterer Gruppe würde ich mich sogar selber zählen.)
Wofür ich allerdings plädiere, sind mehr Toleranz und weniger Hass gegenüber dieser riesigen, wachsenden und potenziell vielversprechenden Spieleplattform. Dass Smartphone-Spiele ein extrem wichtiger Teil der heutigen Spieleindustrie sind, sollte jedem bekannt sein und es wäre schade, wenn Gaming-Enthusiasten, wie wir es sind, diesen Markt nicht unterstützen und somit zu einem gewissen Grad formen würden.

Denn wer weiß? Wenn nur genug Leute bereit sind, für Qualität Geld in die Hand zu nehmen, wird es demnächst vielleicht mehr einzigartige, hübsche und grandiose Spieleperlen in unserer Handfläche geben.


Was ist eure Meinung zu Mobile-Gaming? Spielt ihr lieber Free to Play-Spiele für zwischendurch? Informiert ihr euch über qualitativ hochwertige Spiele? Oder nutzt ihr euer Smartphone gar nicht fürs Spielen? Teilt eure Meinung zum Thema im Kommentarbereich mit!


Bilder (Insgesamt 132 Bilder, Zeige Bilder 0 bis 0)