Einloggen

Du bist noch nicht bei consolewars registriert? Dann erstelle
jetzt ein Benutzerkonto!

Kolumne: Moderne Spiele sind wie guter Wein

Eine besorgniserregende Entwicklung der Videospielindustrie

Mittwoch, 31. Mai 2017 um 15:59 von MeanMrMustard

Was haben moderne Videospiele und guter Wein gemeinsam? Ganz einfach: Beide werden mit zunehmender Reife zu einem hochwertigeren Gut für den Konsumenten. Während sich beim Wein das Aroma, die Textur und der Geschmack verfeinern, werden Videospiele im Zeitalter des Internets mit fortlaufendem Alter regelmäßig mit Updates und Patches beglückt. Und wie auch beim Wein variiert der Grad der Verbesserung je nach Produkt.
Es gibt Spiele, die auf den Markt kommen und sofort genau so funktionieren, wie es von Entwickler und Konsument erwartet wird. Dann allerdings gibt es auch die unvollendeten schwarzen Schafe, die wie ein einbeiniger Welpe auf einer Hundeshow auf den Massenmarkt losgelassen werden. In diesen (leider nicht allzu seltenen Fällen) dauert es dann nur wenige Stunden, bis man die ersten Bug- und Glitch-Collagen der unglücklichen Findelkinder auf YouTube bestaunen darf.
Und jedes Mal ist die Entrüstung unter den Konsumenten groß. In einem einzigen Kanon der Empörung schreit das gesamte Internet in Richtung des hinterlistigen Publisher-Bösewichts, der die Dreistigkeit besaß, ein solch unfertiges Produkt für 60 bis 70 Euro zum freien Verkauf anzubieten.
Doch trotz dieser mittlerweile einstudiert wirkenden Empörung hat sich bisher nichts an der Situation geändert. Ganz im Gegenteil: Trotz des großen Aufschreis verkauften sich kontroverse Spiele wie Mafia III oder Assassin’s Creed Unity innerhalb ihrer ersten Wochen wie geschnitten Brot. Wäre nicht so langsam der Moment gekommen, etwas daran zu ändern?


Das Preis-Leistungs-Paradoxon



Mafia III hatte ein gewaltiges Marketingbudget und hat dementsprechend
viel Hype generiert. Deshalb konnte sich das Spiel trotz seiner bestenfalls
durchschnittlichen Qualität hervorragend verkaufen.



Das verbuggte Assassin's Creed Unity und das enttäuschende
Watch Dogs haben ihren Marken auf lange Sicht geschadet. Ihre Nachfolger
haben sich deutlich schlechter verkauft. Es ist also auch im Interesse des
Publishers, das Vertrauen der Kunden nicht zu missbrauchen.

Doch erst einmal habe ich eine kleine Anekdote für euch: Vor einigen Wochen habe ich im Rahmen einer Rabatt-Aktion bei einer großen deutschen Elektro-Einzelhandelskette das damals nur knapp zwei Wochen alte Mass Effect: Andromeda erstanden. Die Schnäppchenjäger und Hamsterkäufer unter uns erinnern sich sicher noch gut daran, dass die Preise für teils brandneue Blockbuster-Spiele bei besagter Aktion geradezu lächerlich günstig waren. Von daher bereue ich den Kauf bis heute nicht – und das, obwohl Mass Effect: Andromeda nun schon seit über einem Monat ungeöffnet in meinem Regal steht.

Und aus diesem Umstand rührt auch mein Wein-Vergleich. Das Spiel steht dort frisch und in Folie gewickelt zwischen meinen anderen PS4-Spielen und reift. Immer, wenn ich mir denke, dass ich das Spiel doch langsam mal ins Laufwerk schieben könnte, wandert derselbe Gedanke durch meinen Kopf: „Möchte ich es wirklich jetzt schon spielen? Oder soll ich lieber noch warten, bis der nächste große Patch kommt?“
Dass Mass Effect: Andromeda nicht gerade ein sauberes und poliertes Spiel ist, sollte jedem hier entweder aus erster oder aus zweiter Hand bekannt sein. Bei einem Spiel, das in seinem ursprünglichen Zustand derartig durchzogen von kleinen und großen Fehlern war, verbessert jedes große Update seitens der Entwickler die Spielerfahrung in einem signifikanten Ausmaß.
Egal, wie lange ich mit dem Spielen von Mass Effect: Andromeda warte – es wird immer noch den nächsten Patch geben, der das Spiel noch ein wenig besser machen könnte. (Zumindest bis Publisher EA die Arbeit an dem Spiel endgültig einstellen lassen wird.)

Und ich möchte hier auch gar nicht die Bemühung der Entwickler bei BioWare Montreal schmälern, die ihr Bestes geben, um das Spiel noch im Nachhinein zu reparieren. Faszinierend ist aber, was für ein skurriles Phänomen wir bei Spielen wie Mass Effect: Andromeda betrachten können:

Je länger man mit seinem Kauf wartet, desto weniger bezahlt man und desto besser wird das Endprodukt.

Im Gegensatz zum Wein, der mit zunehmender Reife immer teurer wird, wird der Preis eines Videospiels diametral zu seiner Qualität günstiger. In Zeiten des digitalen Spieleverkaufs muss man sich nicht einmal mehr Sorgen um eventuelle Rarität oder Knappheit der physischen Kopien eines Spiels machen. Der ökonomischste Weg bestünde also darin, bei jedem Spiel so lange zu warten, bis alle Nacharbeiten der Entwickler abgeschlossen sind und es dann irgendwo im Sonderangebot für 15-20 Euro zu kaufen. Im besten Fall bekommt der ökonomisch handelnde Kunde dann sogar die Komplettedition des Spiels inklusive sämtlicher Erweiterungen und Zusatzinhalte. Klingt doch toll, oder?

Dabei bin ich eigentlich jemand, der das Kaufen von Videospielen zum Vollpreis grundsätzlich propagiert – vorausgesetzt, das jeweilige Spiel ist diesen Vollpreis wert. Diese stolze Geldsumme ist nämlich ein effektiver Weg, qualitativ hochwertige Spiele und deren Entwickler zu unterstützen.
Natürlich ist es besorgniserregend, dass selbst ein Spiel wie Bloodborne, dem ich jederzeit, ohne mit der Wimper zu zucken, die 10/10-Wertung verleihen würde, zum Erscheinungstag nicht gänzlich fehlerfrei war. Es litt in seinem Ursprungszustand unter ziemlich langen Ladezeiten, welche allerdings schon kurze Zeit später per Patch verbessert wurden. Und sogar ein Presseliebling wie Zelda: Breath of the Wild erhielt nach einiger Zeit noch Updates, die die (zugegebenermaßen ohnehin schon solide) Framerate verbesserten. Dennoch stellen die Fehler solcher Spiele schlimmstenfalls Lappalien dar, wenn man sie mit den wahren Übeltätern vergleicht.


Don’t pre-order!



Die PC-Version von Batman: Arkham Knight war so halbgar,
dass das Spiel kurz nach seiner Veröffentlichung wieder vom Markt genommen
wurde, damit es nochmal überarbeitet werden konnte. Immerhin haben die
Käufer ihr Geld zurückerstattet bekommen.



Wie erfolgreich wäre der Megaseller No Man's Sky wohl geworden,
wenn die Leute nicht bereit gewesen wären, die Katze im Sack zu kaufen?

Wer sich regelmäßig in Gaming-Communities im Internet herumtreibt, wird sicher schon auf die „Don’t pre-order“-Bewegung gestoßen sein, die dazu aufruft, zukünftig erscheinende Videospiele schlichtweg nicht mehr vorzubestellen. Ihre Anhänger behaupten, dass die Vorbestellung von Videospielen in der heutigen Zeit schlichtweg nicht mehr nötig und auf lange Sicht kontraproduktiv für sämtliche Konsumenten sei.

Doch wieso reservieren wir unsere Spiele eigentlich so gern im Vorfeld? Ich habe mir mal etwas genauer Gedanken über diese Frage gemacht und tatsächlich fielen mir erstaunlich wenige Gründe ein, die dafürsprächen, ein Spiel vorzubestellen:

    - Preisvorteile (z.B. Gamestop 9,99er-Aktionen, Amazon-Preisgarantie oder günstige Importe)
    - Limitierte Auflagen (Sammlereditionen, Steelbook-Ausgaben, etc.)
    - Demos und Multiplayer-Beta-Tests für Vorbesteller (im optimalen Fall wären diese natürlich offen für alle, aber ich kann verstehen, weshalb solche Aktionen zum Vorbestellen verleiten)
    - Wertvolle kostenlose Dreingaben (z.B. die Halo Wars Definitive Edition für Vorbesteller der Deluxe Edition von Halo Wars 2 oder South Park: The Stick of Truth für Vorbesteller des Nachfolgers)


Und das wäre es auch schon. Natürlich gibt es da noch die kleinen Vorbesteller-Boni wie zusätzliche Waffenskins oder Ähnliches. Aber ganz ehrlich: solche Codes, wie sie Day One-Editionen beiliegen, löse ich persönlich heutzutage gar nicht mehr ein. Der gebotene Zusatzinhalt ist mir den Aufwand, den Code einzugeben, schlichtweg nicht wert.
Das Argument der Bequemlichkeit lasse ich auch nicht gelten. Wenn ein Spiel so unwichtig ist, dass man ohne Vorbestellung den Erscheinungstag vergessen würde, kann man sich die 60 Euro für den Day One-Kauf auch gleich sparen.

Videospiel-Vorbestellungen haben ihre Wurzeln in einer Zeit, zu der wir uns noch nicht sicher sein konnten, ob wir ein neues Spiel am Erscheinungstag bekommen würden, wenn wir es nicht rechtzeitig irgendwo vorbestellten. Heute allerdings gibt es den Digitalvertrieb von Videospielen, sowie Internetkaufhäuser, die die neuesten Blockbuster in gewaltigen Massen liefern können. Da müssen wir uns um Knappheit zum Launch eines Spiels keine Sorgen mehr machen. (Ausgenommen sind natürlich Ausnahmefälle wie Konsolen-Launches oder absolute Nischenspiele.)
Wieso reicht es dann also nicht, seine Bestellung beim Internethändler des Vertrauens wenige Tage vor Erscheinungstag des Spiels einzureichen? Dann kann man sich nämlich auch wirklich sicher sein, dass man das Spiel tatsächlich kaufen möchte? Und auch auf diesem Wege bekommt man das Spiel der Wahl garantiert so schnell wie möglich. Tatsächlich findet man Spiele beim Kauf im physischen Einzelhandel in geschätzt 90% aller Fälle sogar schon einen oder zwei Tage vor dem offiziellen Erscheinungsdatum in den Regalen. So schnell ist selbst der schnellste Postbote nicht.


Rennen wir blind in unser Verderben?



Selbst hervorragende Spiele wie The Witcher III wurden mit zunehmender
Zeit besser und besser, weil immer mehr Funktionen hinzugefügt und optimiert
wurden. Doch sollte man deswegen in Zukunft auch bei Top-Titeln erst
warten, bis die ersten Patches kommen? Wo ist die Grenze?



Auch Life is Strange war schon immer ein tolles Spiel. Aber Features
wie Lippensynchronität oder deutsche Untertitel wurden erst lange nach
Release hinzugefügt.

Doch wieso ist das alles überhaupt wichtig? Diese Frage mag sich nun der eine oder andere stellen. Wen interessiert es denn, ob ich meine Spiele schon ein Jahr im Voraus bestelle oder erst wenige Tage vor ihrem Erscheinungsdatum? Die Antwort ist naheliegend:
Dadurch, dass wir Spiele wie Mafia III, Mass Effect: Andromeda, No Man’s Sky, Recore, Assassin’s Creed Unity und unzählige andere Übeltäter vorbestellen, senden wir dem Publisher folgendes Signal:

„Hey, ganz egal, wie scheiße euer Spiel wird – wir kaufen es trotzdem!“

Das Resultat ist nicht nur, dass es für den Publisher weniger wichtig wird, ein Endprodukt zu liefern, das die potenzielle Käuferschaft überzeugt und zufriedenstellt. Vielmehr ist es die Freikarte für das Marketingteam des Publishers, den Kunden nach Strich und Faden hinters Licht zu führen. Man sieht es ja schon an den Erscheinungsdaten der heutigen Videospieltestberichte. Damals wurde ein Test noch teils mehrere Wochen im Voraus in seiner jeweiligen Publikation veröffentlicht. Heute werden sogar Tests, die erst wenige Tage vor Erscheinungsdatum des getesteten Spiels veröffentlicht werden, zunehmend zu einer Rarität.

Publisher Bethesda ging sogar so weit, die grundsätzliche Regel festzulegen, dass selbst professionelle Videospiel-Kritiker ihre neuen Spiele erst am tatsächlichen Erscheinungstag anspielen dürfen. Wieso das aus Bethesdas Sicht eine hervorragende Idee ist, liegt auf der Hand: Je weniger Kunden im Vorfeld über die Qualität ihres Spiels aufgeklärt werden, desto weniger Kunden stornieren im letzten Moment ihre Vorbestellung und desto mehr Blindkäufer wird es geben, die das Spiel zum Launch kaufen, weil sie dem vom Marketing ausgelösten Hype erliegen. (Wobei man im Falle Bethesdas noch anmerken muss, dass die von dieser neuen Regel betroffenen Spiele bisher alle gut bis sehr gut waren.)

Ein Kollateralschaden dieser Praxis ist, dass professionelle Kritiker unter diesen Umständen dazu gezwungen sind, ihr Review übereilt und unter großem Zeitdruck zu schreiben. Denn je näher am Erscheinungsdatum eines Spiels der dazugehörige Test erscheint, desto mehr Klicks und desto mehr Geld gibt es für das Magazin/die Website des Kritikers. Das endet dann darin, dass die Qualität der Videospielkritik unter demselben Zeitdruck leidet wie die Spiele selbst.

Es gibt noch immer Positivbeispiele unter den Publishern, die nicht nur ihre Spiele in vollendetem Zustand auf den Markt bringen, sondern auch die Videospieltester rechtzeitig mit Pressekopien ihrer neuesten Werke versorgen. Vor allem japanische Entwickler haben hier momentan tendenziell die Nase ein Stück weit vorne.

Doch wenn wir nicht aufhören, den Marketingabteilungen der Publisher blind aus der Hand zu fressen, weil es so viel Spaß macht, eine Runde auf dem Hypetrain mitzufahren, könnte sich die Lage noch weiter zuspitzen als ohnehin schon. Und bevor wir es merken, haben wir einen ganzen Weinkeller voller teuer erstandener Tropfen, deren Wert mit der Zeit immer weiter schrumpft.


Bilder (Insgesamt 132 Bilder, Zeige Bilder 0 bis 0)