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Kognitive Fähigkeiten

...Think like a Gamer #18

Samstag, 24. September 2011 um 16:28 von shadowman

Kognitive Fähigkeiten

Aufnahme und Verarbeitung von Daten im Mehrspieler



Ich ahnte, dass er das machen würde. Genau das! Diese dämliche Dreckscheisse! Und obwohl meine Vorahnung sich just in diesem Moment bestätigte, entglitten mir meine Gesichtszüge vollständig, als ich mit Ansehen musste wie meine Abwehr versagte. Meine Lippen formten Worte für die ich mich schämte noch bevor ich sie aussprach, doch ich feuerte die Hasstiraden aus meinem Maul wie ein wütendes Maschinengewehr. Die Beleidigungen peitschten meinem Sitznachbarn direkt und ungebremst ins Gesicht und in seinen Ohrmuscheln sammelte sich der blanke Hass. Völlig außer Kontrolle schlug ich mehrfach auf das Sofa, stieß weitere Flüche gen Himmel und musste schließlich und endlich akzeptieren, dass er das Tor zum 1:0 geschossen hatte.


Concentramento




Mit einer spastischen Bewegung, begünstigt durch die offensichtlich nicht vorhandene Intelligenz meiner Abwehrspieler, gelang es dem Kackstürmer den Ball tatsächlich im Netz zu platzieren - in meinem Netz, verfluchte Scheisse! Dass mein Sitznachbar leise gluckste und sich offensichtlich vor Freude einpisste, merkte ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Mich traf der blanke Hohn des Replays, welches in dreifacher Ausfertigung über den Schirm flimmerte. Ich erstarrte. Immer und immer wieder präsentierte mir das Spiel den Treffer, demütigte mich. Erschüttert ob der Unfähigkeit meiner gesamten Hintermannschaft erwachte ich aus dem Zustand der Paralyse wieder zum Leben und führte meine Hand zum Bier. Es war nicht mehr kalt, natürlich nicht, aber immerhin befanden wir uns mittlerweile auch in Minute 76. Der herbe Tropfen rann meine Kehle hinunter und es war als würden mich die Kräfte des Gerstensafts beleben, mir neue Energie spenden. Explosionsartig verlagerte ich meine Haltung. Gemütlich? Jetzt nicht mehr. Ich lehnte mich nach vorne, umklammerte das Gamepad und setzte ein - vermeintlich - diabolisches Grinsen auf. Mein Gegenspieler schwieg. Er hatte versucht sich leise zu freuen, was ihm nicht geglückt war. Aber ich ging nicht darauf ein. Zu groß war die Blamage. Ich trug das Zeichen der Schande. Jeder konnte es auf dem strahlenden TV lesen. 1:0. Aber damit hat er nicht gerechnet. Mit einem demonstrativ lauten Klicken verschwand ich im Menü und begann meine Taktik zu ändern. Geschmälert wurde die Genialität jenes Plans von der Tatsache, dass er all meine strategischen Züge beobachten konnte, weshalb ich versuchte mich so wirr und schnell durch das Menü zu klicken wie es ging. Beide waren wir irritiert, als plötzlich mein Torwart im Sturm stand, was ich aber in letzter Sekunde noch korrigieren konnte. Wollen wir doch mal sehen. Auf gehts Fortuna!


Dienstag: ein ruhiger Herrenabend




Während meine Hand zum salzigen Gebäck in die knisternde Tüte wanderte, warf ich meinem Widersacher noch einen verächtlichen Blick zu: "Du Kacksau wirst schon noch sehen...!" Mehr als ein Zwinkern bekam ich nicht zurück. Ich knurrte und rieb mir mit einer Hand das linke Auge. "Das wird schon." ermutigte ich mich selbst und klopfte mir im Geiste auf die Schulter, während ich versuchte den Schwindel der zuvor geleerten Altbiere wegzukonzentrieren. Es klappte nur bedingt. "Jetzt spiel' schon du Sack!" schnalzte mir der Penner auf der Couch entgegen. Wieso hatte ich ihn überhaupt in die Wohnung gelassen? Hat ja nicht mal die Schuhe ausgezogen... Ohne etwas auf die freche Aufforderung zu erwidern passte ich meinem Mittelfeld den Ball zu, ließ die Schulterknöpfe los und dribbelte los. Zwei Leute ließ ich stehen, scheiterte aber zunächst an der Viererkette. Er schnaufte, das konnte ich hören, so als würde ihn das Steuern von ein paar virtuellen Fußballern tatsächlich körperlich anstrengen. Aber es war wie bei mir. Unsere Hirne glühten. Angepeitscht von der Magie des Alkohols agierten unsere Hände fast schon unkontrolliert aber mit äußerster Präzision. Es war als würde ich die komplette Kraft meines Hirnes in meinen Daumen kanalysieren. Mit dem Steuerkreuz befahl ich meinen zehn Feldspielern volles Risiko zu gehen. Ein 10-minütiger Sturmlauf sollte folgen, der einem Blitzkrieg gleichkommen sollte. Ich war berauscht. Meine Pupillen fixierten die weißen Pixel auf dem Schirm, folgten akribisch jeder Bewegung meiner Spieler und ich ergötzte mich an den geschlagenen Haken, den wohl getimten Grätschen und den scharf hineingespielten Flanken. Ich versank im Spiel, wurde aufgesogen und mein Sichtfeld blendete den Rest des Zimmers aus. Wenn ich versuche mich heute an dieses Spiel zu erinnern, dann fehlen mir die letzten zehn Spielminuten. Es muss eine Verkettung aus Glück, Macht und absoluter Spielkontrolle gewesen sein. Ich schoss, dribbelte, taktierte und redete vermutlich mit mir selbst. Meine Hände glitten über das Gamepad wie über eine Geliebte, nur mit mehr Gefühl. Das Gamepad war mein Operationsbesteck und ich der Chefarzt. Chirurgische Präzision, das war es.

Mit dem Abpfiff kam ich wieder zu Bewusstsein. Es war als würde ich aus einem Traum erwachen. Meine verschwitzte Oberlippe schmeckte salzig und ein wenig nach Chili, begründet in der Gewürzmischung des erwähnten Salzgebäcks. Ich ließ das Gamepad in den Schoß fallen und betrachtete ungläubig das Ergebnis.


die traurige Wahrheit




Es folgte ein Schwall schaumiger Kotze, vermutlich ebenfalls nach Chili schmeckend, der auf meinen Glastrisch prallte. "Was geht denn bei dir?" wurde ich angefaucht. Ich wusste es nicht. Viele werden diese Reaktion wohl auf das Bier schieben. Aber es war ja Alt, kein Kölsch. Viel mehr musste es die einzige Möglichkeit für meinen Körper gewesen sein, ein Ventil für das zu finden, was vor wenigen Sekunden passiert war. Mit einem Handschlag beendete ich den Abend und tat das, was ein guter Verlierer bei FIFA nun mal tut: Ich übergab dem Sieger die schillernde 2 Euro Münze, die ich vor gut 14 Minuten noch mit meinen Lippen liebkost hatte. Das störte ihn nicht. "Ich hol dir einen Lappen. Ist ja nicht viel." Was für ein großherziger, guter Mann. Ein Gewinner wie er im Buche steht. Immer für mich da. Jetzt.


Ich habe bereits damit begonnen, es zu hassen




Ja, so waren wir damals drauf, bei FIFA 11. Ein kleiner Trupp aufsässiger Rebellen. Draufgänger eben. Die Zeiten werden mir fehlen. Aber wir sind jetzt auch wieder ein Stück gereift. Bier gibt es künftig nicht mehr. Nur noch Wein. Und wer ein Spiel mit weniger als 5 Euro Einsatz starten will, der fliegt sofort vom Platz! Also FIFA 12, rotiere, damit ich dich verfluchen kann!



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