Das ist allerdings eine Sichtweise, die nicht alle Gesellschaften inne haben: Während in den skandinavischen Ländern zahlreiche Videospielefonds und Messen in nahezu jeder größeren Stadt Gang und Gäbe sind oder LAN-Parties sogar in TV-Berichten erscheinen, in Korea das Finale der WCG (World Cyber Games) live im TV übertragen und Profispieler im gleichen Atemzug mit Popstars genannt werden, fragt man sich beim Blick auf die eigene Gesellschaft, auf das eigene Volk, warum wir 'so etwas' nicht haben und was 'hierzulande' falsch läuft
'So etwas' bedeutet in diesem Zusammenhang: Ungezwungener Umgang mit Videospielen wie mit anderen Medien (Buch, Zeitung, Radio, TV, Kino, Internet, etc.) und das Erreichen einer breiteren Öffentlichkeit bzw. einer weit umfassenden Demographie. Die Frage, die sich hier stellen sollte, ist dann nicht, was 'hier' falsch läuft, sondern wie diese Unterschiede zu erklären sind, die es im Hinblick auf Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern gibt.
Die Büchse der Pandora
Alle kulturellen Faktoren in Betracht zu ziehen, würde den Rahmen sprengen. Es reicht jedoch aufzuzeigen, wie unterschiedlich Spiele adaptiert werden, und dass es mehrere Faktoren gibt, welche die Rezeption eines Videospiels in einer Gesellschaft beeinflussen: Im Jahr 2001 hat Scheich Abdul Aziz bin Abdullah, der Mufti Saudi Arabiens, als höchste religiöse Autorität des Landes das Pokemon-Spiel verboten und es als zionistische Propaganda bezeichnet; Pokémon würde die Evolutionstheorie fördern und gemeinhin westliche Werte (denen man versuchte entgegen zu wirken) propagieren. Die Wirtschaft zog entsprechend nach: Nachdem die Büchse der Pandora schon geöffnet war, verbot der Saudi arabische Wirtschaftsminister kurzerhand den Handel mit Pokémon-Produkten aller Art.
[aside left][/aside] Ein weiteres Beispiel wären die Amish in den USA. Diese streng religiöse Gemeinschaft (geschätzte Zahl der Amish: 250.000) lehnt Technik (und damit auch Videospiele) im strengsten Sinne des Wortes ab. Um ein gottgefälliges Leben zu führen, besinnt man sich auf die traditionellen Werte des 19. und 18. Jahrhunderts und lebt nach den technischen Maßstäben dieser Zeit.
Die industrielle Technik des 20. und 21. Jahrhunderts, hauptsächlich ein Produkt der westlichen und fernöstlichen Großmächte, wird also unterschiedlich rezipiert und adaptiert. Ob eine Gesellschaft Technik, respektive Videospiele, nun mit Ablehnung begegnet oder nicht, ist eine rein kulturelle Handlung (da kulturelle Handlungen zugleich politische Aktionen motivieren, wäre es müßig, auf diese Tatsache gesondert einzugehen).
Videospiele als modernes Medium wird demnach unterschiedlich inkorporiert. Bei den einen gilt die Zuschaustellung von Gewalt als Sakrileg und wird, wie in Deutschland, entsprechend indiziert, während bei anderen, wie in den USA, die Darstellung erotischer Inhalte für Aufruhr sorgt.
Mit dem Finger auf andere Gemeinschaften oder die eigene Gesellschaft zu zeigen und zu sagen 'Mann, sind die rückständig' ist falsch. Grundlegend falsch ist deswegen auch die Forderung, jeder müsse sich so offen mit modernen Inhalten auseinandersetzen wie man das selbst tue; dies führt nur zu einer Übermotivation an Aktionismus und einer Enttäuschung, wenn diesem Aktionismus (vor allem im TV und in der Zeitung) mit Zurückhaltung, gar mit Kopfschütteln begegnet wird; jeder ist das Kind seiner Zeit, und während wir über ältere Generationen den Kopf schütteln mögen, wie medial rückständig diese doch seien, so geschieht das Gleiche in anderen Teilen der Gesellschaft. Jemand, der nicht mit Videospielen aufgewachsen ist, wird sich entweder kritisch mit ihnen auseinandersetzen, sie ggf. spielen, aber nie den Grad an Immersion erreichen, mit dem 'wir', die Videospiel-, Computer- und Mediengeneration, die von klein an zockt und daddelt, aufgewachsen sind.
[aside right]
Zensur hängt von
der Gesellschaft ab
[/aside]Das beste Beispiel ist die Gewalt in Videospielen, eine kulturelle (und damit, wie eingangs gezeigt, auch politische) Debatte, die schon so durch den medialen Leiherkasten gespült wurde, dass Veteranen beider Seiten (orthodoxe/traditionelle Haltung, die Skepsis gegenüber Neuem vs. offener Umgang mit medialen Inhalten aller Art) entweder resigniert den Kopf schütteln oder auf die Barrikaden gehen. Nur wenige finden sich, die sich auf eine Diskussion mit der 'anderen' Seite einlassen; Sturköpfe gibt es in beiden Parteien.
Die Ängste und Hoffnungen beider Seiten stehen sich dabei gleichberechtigt gegenüber: Die Furcht vor dem, was der Sohn oder die Tochter spielt, schlägt sich oftmals in der Meinung nieder, dass Videospiele schlecht für das Kind seien. Gleichermaßen sagen Eltern oder Jugendliche, die Ignorierung von kulturellen Inhalten oder die Skepsis gegenüber eines Mediums würde verhindern, dass man alle Teile der Gesellschaft kennenlerne; der Forderung der Älteren, man müsse in die Oper oder ins Theater gehen, entspricht in etwa derjenigen Aufforderung der Jüngeren, man solle sich offen und mit Akzeptanz gewappnet mit allen Arten von medialen (= kulturellen) Inhalten auseinandersetzen.
Es dürfte ersichtlich sein, dass das genannte Beispiel nur eine Facette der Argumentation bzw. der Auffassung umfasst. Worauf ich hinweisen möchte (und was jeglicher Diskussionskultur zugute kommen sollte) ist, dass jeder versuchen sollte, die 'andere' Seite zu verstehen und über den Tellerrand hinaus zu blicken. Man sollte nicht erwarten, dass mit der gleichen Offenheit gekontert wird, denn was wir nicht besitzen mögen (Empathie) sollte man nicht von den anderen verlangen.
Es gehört viel dazu, einen Blick über den Tellerrand hinaus anzustellen, aber noch mehr, verstehen und nachvollziehen zu können, was dort passiert. Kulturelle Determinanten sind gleich anthropologischen Konstanten: Wenn sich eine Gesellschaft dem Videospiel verweigert oder bestimmten Aspekten (z.B. der Gewalt in Videospielen, Auseinandersetzung mit erotischen Inhalten, Verbot der Darstellung von Rauschmitteln, etc.) kritisch bis ablehnend gegenübersteht, ist diese nicht 'rückständig' oder 'verloren', sondern handelt nach eigenen kulturellen Maßstäben, die wir nicht in Frage stellen sollten und dürfen.
Offen gegenüber Neuem UND Altem zu sein bedeutet somit und fast ausschließlich, erst die eigenen Verhaltensmuster festzustellen, diese ggf. zu hinterfragen und zu überblicken und danach Kritik zu üben. Das gilt insbesondere für Videospiele, denn wollen wir nicht, dass andere unserem Hobby mit der gleichen offenen Einsicht begegnen wie wir bei anderen?
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bpc
12:23 25.11.11 1.
Versaut!
Alvaro
12:26 25.11.11 2.
Ich glaube ich schau jetzt erst mal ne Runde Real Life Quidditch und lese dann weiter
AnGer
12:33 25.11.11 3.
tl;dr
flow89
12:38 25.11.11 4.
Eine ganz entscheidende Sache die viele Gegner von "Killerspielen" vergessen:

Ein Spieler nimmt das, was am Bildschirm passiert anders wahr als der Zuschauer. Meine Mutter hat damals in Halo nicht mehr als "das Maschinengewehr rattert" verstanden.
Dann hab ich ihr mal versucht zu erklären was ich da tue, warum ich es tue und ihr Multiplayerspiele als eine Art Schnitzeljagd erklärt.
Danach hat sie zumindest nicht mehr rumgekeift und ich durfte es spielen.
DarkLord87
12:57 25.11.11 5.
tl;dr
RobertsOma
13:06 25.11.11 6.
Lieber Yggi...es heißt Pokémon


Ansonten: tl;dr, später mal aufm Pott oder so
Spark
13:30 25.11.11 7.
Eine ganz entscheidende Sache die viele Gegner von "Killerspielen" vergessen:

Ein Spieler nimmt das, was am Bildschirm passiert anders wahr als der Zuschauer. Meine Mutter hat damals in Halo nicht mehr als "das Maschinengewehr rattert" verstanden.
Dann hab ich ihr mal versucht zu erklären was ich da tue, warum ich es tue und ihr Multiplayerspiele als eine Art Schnitzeljagd erklärt.
Danach hat sie zumindest nicht mehr rumgekeift und ich durfte es spielen.
Einmal das, und die Tatsache, dass jedem dem Videospiele fremd sind, das Thema nun mal nur oberflächlich behandelt. Und wenn man sich die Mainstreamspiele anschaut sind es Spiele wie CoD oder GTA, eben Spiele mit viel Gewalt, Sex usw. Kein Wunder, dass viele dann abgeschreckt sind. Dass Videospiele aber noch andere Generes hat, wird so jemand dann gar nicht untersuchen.
Toocay
13:44 25.11.11 8.
später mal aufm Pott oder so
dito
Bumshagalaga
13:54 25.11.11 9.
wot
Vranklin
14:04 25.11.11 10.
Deutschland ist ein Land von möchtegern Pädagogen, man hat immer Angst, dass die Kinder von irgendwelchen Sachen schlecht beeinflusst werden.
Das wird sich aber mit der Zeit ändern. In 20 Jahren wird das Durchschnittsalter von Videospielen viel höher liegen als heute.
Freigeist
14:10 25.11.11 11.
Ich glaube der schlechte Ruf resultiert hierzulande nicht zwingend aus den Spielen an sich, sondern eher aus dem Gebaren seiner Fans. Solange sich Mitdreißiger Rennradfahrer aufführen wie 13 jährige Vollprolls die zuviel Viagra geschluckt haben ist es um den Ruf unseres Hobbys halt schlecht bestellt. Dann liegt die Vermutung nun einmal Nahe, dass Spiele einen nachhaltig schlechten Einfluss auf die kognitive Entwicklung der Sprößlinge haben könnten. Wer was anderes behauptet wird an eine News seiner Wahl auf CW verwiesen. Der Kommentarbereich ist die beste Antithese. Ja, ich bin mir der Ironie bewusst, dass genau hier zu posten.
Kiera
14:41 25.11.11 12.
Gut geschrieben
DarkLordShadow
15:02 25.11.11 13.
Gut geschrieben
this
Anmerkung: Ich hätte noch beleuchtet, wie die Themen, wie Sex und Gewalt, die gerne Kritisiert werden, selbst grundlegene Bestandteile der als fördernd dargelegten kulturellen Ereignisse wie Oper und Theater sind. Daraus kann man ableiten, dass es nicht zwangsläufig um die Themen geht sondern um die Darstellung eben dieser geht (was ja schon im Artikel eingebracht wurde). Die größte Barriere stellt an sich (imo) die Selbstüberwindung da, die einen daran hindert über die Oberfläche hinweg zu sehen (wurde ebenfalls im Artikel erwähnt). An sich sind die "neuen" und "alten" Medien enger miteinander verbunden als man es glaubt, so werden beide z.B. von einander beeinflusst und ziehen Inspirationen voneinander. Da wir es hier aber in gewisserweise mit einem Generationenkonflikt zu tun haben wird es wohl immer so weiter gehen und wir sind dann irgendwann die "Alten"
OmegaPSG
15:24 25.11.11 14.
Das Pokemon "darwinistisch angehaucht" ist, ist mir bis jetzt noch nicht direkt bewusst gewesen.
LoadedLimit
15:27 25.11.11 15.
Solange sich Mitdreißiger Rennradfahrer aufführen wie 13 jährige Vollprolls die zuviel Viagra geschluckt haben ist es um den Ruf unseres Hobbys halt schlecht bestellt.
Das war jetzt bisschen Lowball von dir, du 2nd Rate Basher
Rhino
18:23 25.11.11 16.
gut geschrieben
zerphet
18:38 25.11.11 17.
Super Feature, danke dafür
Man darf nicht alles auf die Nörgler schieben, viele Gamer machen es mit ihren elitären Gehabe auch nicht leicht einen gesunden Diskurs über das Thema Videospiele zu führen.
MTC001
18:58 25.11.11 18.
Das war jetzt bisschen Lowball von dir, du 2nd Rate Basher
Könntet ihr beide bitte Lance aus dem Spiel lassen, der sitzt sicher grade heulend in ner Ecke
Rappyfan
00:07 26.11.11 19.
Ich habs gelesen
Yggdrasill
01:16 26.11.11 20.
this
Anmerkung: Ich hätte noch beleuchtet, wie die Themen, wie Sex und Gewalt, die gerne Kritisiert werden, selbst grundlegene Bestandteile der als fördernd dargelegten kulturellen Ereignisse wie Oper und Theater sind. Daraus kann man ableiten, dass es nicht zwangsläufig um die Themen geht sondern um die Darstellung eben dieser geht (was ja schon im Artikel eingebracht wurde). Die größte Barriere stellt an sich (imo) die Selbstüberwindung da, die einen daran hindert über die Oberfläche hinweg zu sehen (wurde ebenfalls im Artikel erwähnt). An sich sind die "neuen" und "alten" Medien enger miteinander verbunden als man es glaubt, so werden beide z.B. von einander beeinflusst und ziehen Inspirationen voneinander. Da wir es hier aber in gewisserweise mit einem Generationenkonflikt zu tun haben wird es wohl immer so weiter gehen und wir sind dann irgendwann die "Alten"
Danke für die Anregung
Mir sind die existierenden Konstanten durchaus bewusst. Während des Feature-Schreibens (ursprünglich sollte das eine simple News sein, die jedoch schnell ausgeufert ist
Auf jeden Fall hast du Recht und ein solcher Vergleich ist für den obigen Text "Pflicht"
Lustig finde ich es allemal, dass wir irgendwann in der Rolle der "Alten" sein werden und Trends, die nur die Jugend versteht, ähnlich kommentieren werden wie die heutigen Alten das Phänomen Videospiele. Oder zumindest die meisten von uns, denke ich
Yggdrasill
01:21 26.11.11 21.
Danke an die anderen für das nette Lob
play80
08:45 20.12.11 22.
Das ist eine 1:1 Kopie eines Artikels den ich schon vor einiger Zeit gelesen habe!
Bin grad am suchen wo! zzz... Aber er ist extrem gut!
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