Feindbild USK
Eine Zensur findet nicht statt
Freitag, 17. Februar 2012 um 18:09 von
Eine düstere, aber viel zu reale Zukunftsvision
Stufe 1: Euphorie
Bald ist soweit, nach einer nahezu ewigwährenden Wartezeit kommt endlich Half-Life 3 in die Geschäfte. Die gesamte Gaminggemeinde ist in heller Aufregung, Konsoleros und PCler liegen sich vor Freude weinend in den Armen und harren der Dinge, mit denen Valve seine treuen Anhänger belohnen wird. Je näher das Releasedatum kommt, desto stärker zeigen sich die dunkleren Seiten des World Wide Webs. Gefälschte News, absichtlich übertrieben dargestellte "neue" Informationen, erste Gerüchte wegen einer angeblich geleakten Vollversion des Spiels, die Liste mit, auf den ersten Blick wichtigen, Nachrichten wächst kontinuierlich in die Höhe und zerrt an den Nerven der Fans.
Doch das Gefühl ist einzigartig und ein gut geregelter Hype kann ein Spiel noch größer und wertvoller erscheinen lassen, als es jemals sein könnte. Unstillbares Verlangen und Träumereien mischen sich mit realen Informationen und so manch ein User scheint dem einzig wahren Ziel seiner Existenz nahe zu sein. Es ist ein tolles Gefühl aber es kann blenden, täuschen und am Ende dem Objekt der Begierde sogar gefährlich werden.
Stufe 2: Verwirrung
Eine einzelne News lässt für hunderttausende Fans augenblicklich die Zeit vollkommen stillstehen. Es geschieht schon wieder, in der Vergangenheit hat dieses Monster ganze Franchises in Deutschland vernichtet und bis heute oftmals bloß als Schatten ihrer ehemaligen Größe zurückgelassen. Die ersten Wutausbrüche lassen nicht lange auf sich warten. Von Verrat, Unfähigkeit, Fremdbestimmung und Bevormundung ist schnell die Rede und die innerliche Entrüstung wird begleitet von tausenden Seiten voller Hass und Zorn auf einen gemeinsamen Feind. Doch was war geschehen, welches himmelschreiende Unrecht hat diese emotionalen Reaktionen ausgelöst?
Die "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle", oder kurz auch USK genannt, war passiert. Es war nicht das erste und sicherlich nicht das letzte Mal, dass diese berühmte/berüchtigte halbstaatliche Organisation ihr verhasstes Werk verrichtet hat. Ein jeder Gamer kennt sie, ein jeder Gamer verachtet sie und in einem freiem Land wie der Bundesrepublik Deutschland fragen sich täglich Tausende immer wieder dieselbe Frage: "Wieso?"
Stufe 3: Wut
Wieso musste ausgerechnet Half-Life 3 dieses unrühmliche Schicksal ereilen. Ganz andere Spiele, weitaus brutaler als dieses, haben es doch ohne Schramme aus den Folterkellern der USK geschafft. Von blanker Willkür ist schnell die Rede und passende Beweise mit anderen "unzensierten" Spielen schnell gefunden. GTA 5 und Dead Space 3 sind doch auch vollkommen unzensiert erschienen, da war bestimmt wieder der berühmte Geldkoffer im Spiel. Es ist doch wohl für jeden mit Augen im Kopf klar zu erkennen, dass das hierzulande unzensierte Xbox 720 Launchgame Gears of War 4 mit seinem Schweizer Dreifachkettensägenmesser hundert Mal schlimmer mit anzusehen sei, als die paar platzenden Köpfe und abgetrennten Gliedmaßen von HL3. Da wird direkt beigepflichtet und immer wahnwitzigere Vergleiche, einer brutaler und abstoßender als der nächste, eilen dem neuen Prachtspiel aus dem Hause Valve zur Hilfe.
Aber bringt es überhaupt etwas sich gegen das unterdrückende Regime zu wehren? Unzählige Petitionen, Unterschriftenaktionen, Debatten und andere bunt gemischte Aktionen hinterließen keinerlei Wirkung. Wie kann man gegen eine solche Kraft erfolgreich im Kampf bestehen?
Stufe 4: Akzeptanz
Am Ende bringt alles Jammern und Flehen nichts und das Spiel der Spiele, ein von Fans und Experten gleichermaßen gefeiertes, schon fast himmlisches, Produkt menschlicher Genialität und Kreativität erscheint zensiert in Deutschland. Ein hässlicher, aber den Verkaufszahlen sicherlich wohltuender, blauer "Ab 16" Sticker verschandelt einen wahrgewordenen Traum der Unterhaltungskunst. Selbst die Onlineplattform Steam(ebenfalls von Valve) bietet es nur in einer sogenannten "gewaltgeminderten" Version an, verhöhnt mit diesen, dem Spieler schon fast ins Antlitz gespuckten, Worten viele der treuesten Anhänger und drängt sie, zwingt sie regelrecht, in die potentielle Kleinkriminalität.
Drei potentielle Möglichkeiten stehen dem wahren Fan zu seiner Verfügung:
Der einfachste dürfte für viele auch der logischste und von vornherein angestrebte Weg sein, der Import aus dem englischsprechenden Ausland. Dank der geltenden europäischen Gesetze, welche sogar über denen der dunklen Bruderschaft (USK) stehen, dürfen volljährige Gamer ihr, im Ausland unzensiert veröffentlichtes, Spiel vollkommen legal importieren und ohne Probleme daheim genießen.Schritt Nummer zwei streift schon stark an den legalen Grenzen der Bundesrepublik und wird von den Publishern der Spiele ungern gesehen, überschreitet diese jedoch zu keiner Zeit. Aufgrund der Nutzung von STEAM erkennt das System wo ihr euch aktuell befindet und erlaubt in Deutschland keine unzensierte Aktivierung eines zensierten Spiels. Mittels gewisser Services im World Wide Web kann man jedoch STEAM vortäuschen, dass man in Wirklichkeit gerade in den Niederlanden steht und von dort darf/kann man die unzensierte Version kaufen und freischalten lassen. Danach ist sie auch von deutschem Boden aus spielbar und das vollkommen ohne Zensur. Da Steam nicht überprüfen kann, ob ihr gerade nicht wirklich für einen Kurzurlaub im Ausland seid und dabei einfach ein Spiel aktiviert, bietet man auf diese Art und Weise eine legale Zwischenlösung an.Der letzte Punkt, und auf diesen gehen wir nicht vollkommen ein, bietet leider für viele eine echte Alternative und artet manches Mal schon fast zu einem Volkssport aus. Die Rede ist von der absolut und 100% illegalen Raubkopie. Ein jeder kennt diese zumindest vom Namen und noch mehr fühlen sich durch eine aufgezwungene Zensur dazu berechtigt, schon fast moralisch verpflichtet, das Produkt ihrer Begierde auf eine illegale Art und Weise zu beschaffen. Sogenannte "Torrents" oder One-Click Hoster, wie das berühmt berüchtigte "Super Mega-Upload Fun Time", erleichtern diesen Subjekten den Zugriff auf das geistige Eigentum der gesamten Menschheit.
Die Realität der USK
Viele Menschen haben von der USK ein falsches Bild, sie wundern sich warum Spiele unterschiedlich Hart bewertet werden und können keine klar Linie dahinter erkennen. Die USK bietet eine sogenannte halbstaatliche Kontrolle an, was im Klartext bedeutet, dass die Industrie sich selbst dem Diktat der USK unterwirft. Damit soll verhindert werden, dass der Staat diese Aufgabe an eine eigens dafür geschaffene staatliche Einrichtung abgibt. Die endgültigen Altersentscheidungen fällen am Ende jedoch von den Ländern benannte Sachverständige in Zusammenarbeit mit dem ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden bei der USK. Die USK selber versteht ihre Aufgabe folgendermaßen:
"Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) ist eine freiwillige Einrichtung der Computerspielewirtschaft. Sie ist zuständig für die Prüfung von Computerspielen in Deutschland. Am Ende eines gemeinsamen Verfahrens vergeben staatliche Vertreter die Alterskennzeichen. Das System stellt sicher, dass Computerspiele nur an Kinder und Jugendliche abgegeben werden, wenn die Inhalte für ihre Altersgruppe freigegeben sind."
Im Klartext bedeutet dies, dass die USK ein jedes, von einem Publisher eingereichten, Spiel sichtet und am Ende eine Altersfreigabe bestimmt. Gewalt, Sex und andere Themen des echten Lebens können/könnten für Heranwachsende einen schlechten Einfluss haben und deren geistige Entwicklung behindern. Menschen sind keine einheitlichen Produkte mit konkret festgelegten Entwicklungszeiten, jeder reift unterschiedlich schnell. Um eine untere Barriere zu schaffen, versucht die USK nach bestem Wissen und Gewissen, in Zusammenarbeit mit verschiedensten Volksvertretern aus allen Bereichen des alltäglichen Lebens, vielen Menschen eine zusätzliche Entscheidungshilfe an die Hand zu geben. Eltern sind oftmals nicht mit den vorherrschenden Realitäten der digitalen Welt vertraut und brauchen daher aktive Unterstützung.
Eine Zensur findet nicht statt
Auch wenn die deutsche Gesetzeslage eine Zensur ausdrücklich verbietet und sogar unter Strafe stellt, so ist es am Ende auch nicht die USK welche die verhasste Schere ansetzt, es sind die Publisher selbst. Natürlich sollte man dabei nicht außer Acht lassen, dass die USK zumindest eine indirekte Zensur der Publisher aktiv unterstützt. Keines dieser Unternehmen würde freiwillig ihr Produkt für einen einzelnen Markt anpassen, es sei denn die Konsequenzen wären noch schlimmer/teurer.Ein Spiel welches der USK nicht zur Prüfung vorgelegt wird, bekommt keine Alterseinstufung und darf damit nicht im freien Handel ausgestellt und beworben werden. Ein finanzieller GAU stünde jedem Publisher bevor, welcher fest mit den Einnahmen rechnen muss und auch die entstandenen Kosten müssen wenigstens wieder eingespielt werden. Was macht der geneigte Publisher also um diesem Schicksal zu entgehen?
Eigenzensur im Angesicht des finanziellen Desasters
Der Verrat am eigenen Produkt, des schnöden Mammons wegen, wiegt am schwersten in den Augen der hintergangenen Fans. Hier und dort wird ein Stück der spielerischen Vision herausgeschnitten, man zwingt die Erschaffer ihr eigenes Fleisch und Blut zu verunstalten. Take 2, Activision, Bethesda, ganz egal wie sie auch heißen mögen, alle haben es bereits getan und werden es in Zukunft wieder tun. Viel zu viele Spiele wurden in der Vergangenheit verstümmelt und in schon beinahe grotesker Form wieder auf den Markt gespuckt.Half-Life, Half-Life 2, Left 4 Dead 1, Left 4 Dead 2, usw., wurden alle von Valve höchst selbst zensiert, Roboter und grünes Blut zerstörten einen wahren Klassiker und Revoluzzer des Genres. Bethesda selbst war es, die die blutige Gewalt aus Fallout 3 und New Vegas geschnitten hatten, nur um Anfang 2012 eine unzensierte Fassung in Deutschland zu veröffentlichen. Genauso wie auch Gears of War 3 von Microsoft als erster Teil der rauen Serie unzensiert in Deutschland erschien. GTA 4, Dead Space, Dead Space 2, God of War 3, Dante's Inferno, und, und, und
Immer mehr Spiele werden in ihrer ursprünglichen Form in Deutschland veröffentlicht. Naht ein goldenes Zeitalter für erwachsene Gamer, oder gewöhnt man sich bei der USK an immer schlimmere Szenen und trauen sich die Publisher auch ohne Zensur an die Einstufung?
Unsichere Zukunft
Keiner weiß was am Ende wirklich auf deutsche Spieler zukommen wird aber der aktuelle Weg scheint näher am Lager der Spieler und Publisher vorbeizuführen, als an dem der Kritiker und Ewiggestrigen. Sowohl die USK als auch die Publisher passen sich den neuen Realitäten an und Videospiele sind schon seit längerem aktiv dabei ihr altes und unschönes Image hinter sich zu lassen. Je mehr Menschen sich dem Hobby offen anschließen und es irgendwann einmal endgültig aus der Ecke der unerwünschten Freizeitbeschäftigungen katapultieren, desto eher wird ein zufriedenstellender Kompromiss gefunden. Der Staat muss den Schritt nach vorne wagen und volljährige Gamer selber entscheiden lassen, was für sie zuviel des Guten ist und wann sie nicht länger an der nach oben steigenden Gewaltspirale aktiv teilhaben wollen. Genauso sollten sich gerade die Publisher gegen die indirekt staaliche Zensur wehren und diese evtl. sogar öffentlich anprangern. Aber das Min- -deste was man von ihnen erwarten darf, ist dass sie es wie Electronic Arts machen, ihr Spiel notfalls mehrfach zu Prüfung vorlegen und bis zum Schluss für ein unzensiertes Spielvergnügen kämpfen. Jeder sollte für sich selbst entscheiden dürfen wann die persönliche Grenze erreicht wird und ab welchem Niveau man nicht länger an alledem teilhaben möchte. In der Filmindustrie gibt es solche Regelungen schon seit Jahren und daher verlangen die Gamer Deutschlands vom Gesetzgeber nichts wirklich Unerhörtes oder gar Unmögliches.
