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Dreihundertsechstausend

Think like a Gamer #21

Sonntag, 29. Januar 2012 um 15:59 von shadowman

Das schmutzige Highlight einer Telespiel-Karriere


Tritt man mir gegenüber, so nimmt man gleich meine beeindruckende Aura wahr. Intelligenz, Ausdauer, Kraft und Erotik. Gleichermaßen imposant ist der verführerische Moschusduft. Was mir hingegen nicht ins Gesicht geschrieben steht, ist der Erfolg. Obwohl ich in meinem Leben viel erreicht habe, wie das Durchspielen von Call of Duty 2 auf "Veteran", dem fünfwöchigen Verzicht auf fleischliche Güter und dem Bau eines unzerstörbaren Kouros. Erfolg ist und bleibt ein dehnbarer Begriff. Wenn die Leute wüssten wie erfolgreich ich wirklich bin, im Innern, wie elegant ich durchs Leben schreite, sie würden mir huldigen und Gebete schicken.

Szenenwechsel ins WC: Mein Badezimmer ist ein Ort des Friedens. Solange jedenfalls, bis ich es betrete. Wer mich kennt, der weiß das ich ungehemmt meinen Bedürfnissen nachgehe, egal wie laut, glitschig oder unheimlich diese auch sein mögen. Da jene Abenteuer nach einem Glas Kaffee oder einer Portion Energiegetränk ausladend und umfangreich sein können, habe ich als guter Hausherr vorgesorgt: In meinem Badezimmer ist Unterhaltung integriert. Bei mir findet sich jedoch kein billiges Busenmagazin, bei mir findet man hochwertige Lektüre. Derzeit liegen in meinem silbernen Regal eine GEE, das Hausmagazin von Electronic Arts und ein alter Shadowman Comic. Prunkstück ist jedoch kein Magazin, sondern ein Stück Hardware das Geschichte geschrieben hat und maßgeblich meine Jugend beeinflusst hat - der Game Boy.




Tetris steckt in seiner Scheide und mit stets vollen Batterien begrüßt er mich regelmäßig zum Stuhlgang. Entschuldigt, aber so ist es nun mal. Ich spiele Runde um Runde, reiße die Klötzchen von oben nach unten und manchmal glaube ich, Alexei Paschitnow hält mir einen Spiegel vor. Immerhin fallen aus mir auch diverse Formen und Figuren, nur schaffe ich es nicht diese so akkurat zu platzieren. Tetris hat mich fest im Griff. Obwohl es keine HD Grafik gibt und der kleine Lautsprecher nur unzureichendes 5.1 liefert. Es hilft mir über den Bauchschmerz hinweg und lässt die Minuten wie im Fluge vergehen. Es berührt mich auf eine berauschende Art und Weise und lenkt mich mitunter so sehr vom Prozess ab, dass ich vergesse warum ich eigentlich auf dem Porzellan Platz genommen habe. Das ist leider nicht das einzige Manko, denn der Game Boy hat ein großes Problem: Mit dem Abschalten des Gerätes erlischt auch der erspielte Rekord. Jeder Tag ist demnach ein neuer Kampf gegen Windmühlen, jeden Tag muss ich mich erneut selber besiegen. Meist erreiche ich einen Highscore von etwa 120.000 Punkten. Selten gibt es Ausbrüche nach oben, öfter nach unten.


Zurück zum eingangs erwähnten Erfolg: Als ich am 11. Januar 2012 mit heruntergelassenen Hosen vor meiner Toilette stand, weder gesäubert noch wirklich fertig, stieß ich einen Freudenschrei aus. In meinen verschwitzen Händen hielt ich den Game Boy und stierte begeistert auf das grüne Display. Mit zitternden Knien setzte ich mich wieder hin. Doch so hielt ich es nicht lange aus. Ich war unruhig, aufgeregt, rastlos. Ich konnte es nicht fassen. Ich schaute mich um, suchte Leute denen ich mein Glück in die Visage schreien konnte. Doch in meinem Bad, zum Glück, war ich ganz allein. Wie ihr euch denken könnt, war es ein neuer Rekord der mich so befriedigte.

306.728 Punkte. Ich weiß nicht ob je ein Mensch ohne bionische Implantate derart viele Punkte bei Tetris erreicht hatte. Es war wie in Stein gemeißelt, eingebrannt in das kleine Display:

Dreihundertsechstausendsiebenhundertachtundzwanzig

Sekunden später flog mir zu Ehren eine mächtige russische Rakete ins All und das Spiel gratulierte mir in englischer Sprache zum Sieg. Ich bin seit 29 Jahren auf diesem Erdenrund und feierte im WC meinen größten Erfolg. Erdrutschartig war der Triumph, ebenso wie mein Stuhlgang. Ich feierte mich. Tetris mag zwar nur ein Videospiel sein, dennoch bebte mein nackter Körper vor Endorphin. An jenem denkwürdigen Mittwoch war ich, auch ohne Hosen, das Prunkstück der Menschheit. Ein fleischgewordenes Ideal, dessen Jubelschrei wie ein Symbol des Lebens durch die Kachellandschaft des Badezimmers hallte. Die Faust muskulös zum Himmel gestreckt, das entblößte Glied potent und stolz und unter mir ein Haufen braunes Elend. Ein Bild für die Götter, die neidvoll auf den Rekord, den Highscore blickten, den ich in den Händen hielt. Es sind Geschichten die nur das Leben eines echten Spielers schreibt, eines Lebemanns, eines Eroberers. Es sind Erfolge, die viele Leute niemals feiern werden. Und wenn mir künftig jemand gegenübertritt und sich beispielsweise über meinen Geruch echauffiert, dem werde ich einen 306.728 Punkte starken Tritt in den Arsch verpassen.



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