Einloggen

Du bist noch nicht bei consolewars registriert? Dann erstelle
jetzt ein Benutzerkonto!

Die versteckte Passion

...Think like a Gamer #19

Sonntag, 09. Oktober 2011 um 10:14 von shadowman

Die versteckte Passion

Des Telespielers natürliches Tarnfeld


Videospieler gibt es wie Sand am Meer. Wir tummeln uns in Foren, Chats, auf Newsseiten und führen Freundeslisten mit anderen begeisterten Spielern. Das Internet ist unser Brutplatz und wie dreckige Tauben belagern wir diesen. Jedoch ist es uns im Alltag nicht immer vergönnt, so zu unserem Hobby zu stehen, wie wir es in der Freizeit tun. Da ich mittlerweile zu den reiferen Vertretern unserer Spezies gehöre, weiß ich wie gut wir unsere Leidenschaft unterbinden können und müssen. Einem Bodybuilder oder einem Emo sieht man sein Hobby direkt an - bei uns ist das nicht der Fall. In unseren Jobs sind wir mehr oder weniger getarnt, neutral. Seit mehr als zwei Jahren arbeite ich mittlerweile in einer Welt ohne Videospiele, in einem schicken Amt. Natürlich gibt es auch dort Videospieler, man muss sie nur aus der Reserve locken.


Mein Büro in der Anfangszeit



Mit diesem Hintergrundwissen muss mein Büro zu Anfangszeiten wie eine große klebrige Venusfliegenfalle für Telespieler ausgesehen haben. Eine richtig kleine Nerd-Ecke. Da ich in zu Hause ein stilvoll-seriöses Leben führe, wanderten die einstmals erworbenen Dioramen und Figuren kurzerhand ins Büro. Link, Sam Fisher, Ryu Hayabusa und Lara Croft wohnten fortan auf Fensterbank, Sideboard und dem Schlüsseltresor. Zwar schämte ich mich bisweilen dafür, aber anders würde ich meinen Masterplan nicht durchsetzen können. Bedingt durch meine Tätigkeit in diesem Amt, müssen sehr viele Mitarbeiter mein Büro besuchen. Die markant platzierten Videospielhelden sorgten dafür, dass jeder unweigerlich mit den Augen für den Bruchteil einer Sekunde an den prachtvollen Figuren hängenblieb. Während die meisten jedoch konsequent ihren Monolog weiterführten und sich nichts anmerken ließen, gab es auch Kollegen die ganz genau wussten mit wem sie es hier zu tun haben. "Sam Fisher, nicht wahr?" "Korrekt erkannt." "Hab ich auch mal gespielt." Zwar blieb es oft bei diesen kargen Wortwechseln ohne Leidenschaft und Herzblut, aber die erste Phase hatte ich trotzdem erfolgreich abgeschlossen. Um den Prozess zu beschleunigen, montierte ich bunt bedrucktes Papier an den Wänden, wobei allen voran das Exemplar von Modern Warfare 2 für Gesprächsstoff sorgte. Plötzlich standen sie vor mir, Leute mit Krawatte und Aktentasche, die mir von ihren Onlinegefechten erzählten. Sie wussten, ich bin ein Verbündeter. Vor mir konnten sie ihre Hülle fallen lassen. Einen Striptease der Gefühle hinlegen, ihre Passion offenbaren. Ich hatte es geschafft, den Tarnschirm durchbrochen.


Mein Büro heute



"Oh, Herr Küpper, Fallout 3?" Der nette Kollege hatte mein T-Shirt erkannt, dessen Frontdruck den guten kleinen Pipboy darstellte. Richtig, in meinem Kleiderschrank befinden sich auch ganze zwei T-Shirts die unserem Hobby huldigen. Eben jenes Fallout und ein schickes Exemplar zu Mirror's Edge. Das hat aber bis jetzt nur mal ein kleiner Junge an einer Haltestelle erkannt. Worauf ich aber hinaus wollte ist der klevere Schachzug meinerseits, auch bei Außeneinsätzen meine Tarnung bewusst zu ignorieren. Während man normalerweise bemüht ist nicht als Geek, Freak oder Nerd direkt in eine Schublade gesteckt zu werden, legte ich es genau darauf an. "Richtig! Sehr gut erkannt. Haben Sie das auch gespielt?" Und schon war ich im Rennen, hatte den nächsten vermeintlich seriösen Mitarbeiter enttarnt und nach wenigen Sätzen ein Spielerprofil erstellt - nur zu internen Zwecken versteht sich. Denn viel wichtiger als zu wissen was jemand spielt, ist das jemand spielt. Das Gefühl zwischen Personalfragen, Finanzhaushalt und Zugriffsrechten plötzlich bei Gran Tourismo zu landen ist berauschend. Egal ob Meeting, E-Mail oder kurzer Austausch im Flur, man ertappt sich dabei sich gegenseitig zu motivieren, empfiehlt Spiele und Konsolen. Es ist sehr interessant zu beobachten, wie gut wir Spieler uns zu tarnen vermögen. Wie wenig durchsickert, von der bizarren Gamepad-Leidenschaft, der Obsession Telespiel. Der Austausch ist gesittet. Während ich mich für manches böse Wort im Chat und Forum bisweilen selber schäme, würde mir dies im Büro nicht über die Lippen kommen. Während wir uns im Internet wohl eher so benehmen wie die eingangs erwähnten Tauben - wild umher scheissend - zählt im Büro der gepflegte Dialog und das Ausblenden von Vorurteilen. Hier wird nicht gebasht. Hier wird zugehört und Stellung genommen. Kritik übt eigentlich niemand


Der Urlaubsplaner meines Chefs, von mir neu gestaltet - kein Witz



Mein Büro - ihr seht es - ist mittlerweile nur noch dezent geschmückt. Meinen Ruf habe ich mir aufgebaut und konnte die eher aufdringlichen und unreifen Figuren und Poster wieder in Kisten einlagern. Gekommen sind stattdessen die abgefuckt stylischen Space Invaders, die auf meiner Wand 24 Stunden lang eine unerbittliche, wenngleich ziemlich starre, Schlacht austragen. Man bemerkt die neonfarbenen Außerirdischen übrigens nur, wenn man das Büro verlässt. Die meisten Leute blicken neidvoll auf das von mir arrangierte Szenario. So ein Wandschmuck ist nicht üblich, außerdem kann nicht jeder direkt was mit den Pixeln anfangen. Vor einiger Zeit stand eine sehr nette Vorgesetzte in meinem Büro und blieb beim Verlassen an der beklebten Wand hängen. "Was ist das denn? Das kenne ich doch..." "Das sind die Space Invaders.", sagte ich, "Klar kennen Sie die. Eines der bekanntesten Videospieler aller..." "Videospiel?", wurde ich laut unterbrochen, "Hab ich nie was von gehalten!" Die Tür donnerte ins Schloss und mit offenem Mund blieb ich sprachlos alleine im Büro zurück. Der Kommentar traf mich mit eisiger Härte und erwischte mich auf völlig falschem Fuß. Ich hatte mich nicht mal wehren können. Im Regelfall beschwichtige ich die Leute dann mit der perfekten Hand-Auge-Koordination, weise auf die rasante Entwicklung der Industrie seit den Space Invaders hin oder bemerke, dass Film und Kino vom Telespiel in Sachen Umsatz abgehängt wurden. Wichtig ist natürlich auch noch der Unterschied zwischen Videospiel und dem hässlichen Zwilling, dem Computerspiel. Aber sie war schon weg. Dagelassen hatte sie nur ihre Meinung. Ihre offensichtlich rassistische Meinung. Und die haben viele.

Denn obwohl der Massenmarkt erobert wurde und viele Spiele salonfähig sind, so haben massenhaft Leute des Thema einfach verpasst. Das schlimme daran ist, dass sie in den 70ern gelebt haben. Sie hatten also die Möglichkeit auf den gerade losfahrenden Zug aufzuspringen, haben es aber nicht getan. Sie haben das Ticket nie gelöst... Im tristen Leben dieser Leute gibt es keine Endgegner oder Doppelsprünge. Sie brauchen ihre Passion nicht zu verstecken, denn sie haben keine. Und so werde ich weiter kämpfen, für eine gemeinsame Community gegen das Trübsal, für eine Welt voller Continues und Onlinegefechte.



Bilder (Insgesamt 132 Bilder, Zeige Bilder 0 bis 0)

consolewars liefert tagesaktuelle Spielenews, exklusive Testberichte, sowie die wichtigsten Nachrichten aus dem Games Business und zahlreiche Möglichkeiten sich in die Geschehnisse in Form von Blogs, Gruppen- oder Userpages in einer der größten deutschen Gaming Communities im Internet einzubringen.

Impressum & Disclaimer | copyright © 1999-2013 consolewars®. XXX