Des Telespielers natürliches Tarnfeld
Videospieler gibt es wie Sand am Meer. Wir tummeln uns in Foren, Chats, auf Newsseiten und führen Freundeslisten mit anderen begeisterten Spielern. Das Internet ist unser Brutplatz und wie dreckige Tauben belagern wir diesen. Jedoch ist es uns im Alltag nicht immer vergönnt, so zu unserem Hobby zu stehen, wie wir es in der Freizeit tun. Da ich mittlerweile zu den reiferen Vertretern unserer Spezies gehöre, weiß ich wie gut wir unsere Leidenschaft unterbinden können und müssen. Einem Bodybuilder oder einem Emo sieht man sein Hobby direkt an - bei uns ist das nicht der Fall. In unseren Jobs sind wir mehr oder weniger getarnt, neutral. Seit mehr als zwei Jahren arbeite ich mittlerweile in einer Welt ohne Videospiele, in einem schicken Amt. Natürlich gibt es auch dort Videospieler, man muss sie nur aus der Reserve locken.
Mit diesem Hintergrundwissen muss mein Büro zu Anfangszeiten wie eine große klebrige Venusfliegenfalle für Telespieler ausgesehen haben. Eine richtig kleine Nerd-Ecke. Da ich in zu Hause ein stilvoll-seriöses Leben führe, wanderten die einstmals erworbenen Dioramen und Figuren kurzerhand ins Büro. Link, Sam Fisher, Ryu Hayabusa und Lara Croft wohnten fortan auf Fensterbank, Sideboard und dem Schlüsseltresor. Zwar schämte ich mich bisweilen dafür, aber anders würde ich meinen Masterplan nicht durchsetzen können. Bedingt durch meine Tätigkeit in diesem Amt, müssen sehr viele Mitarbeiter mein Büro besuchen. Die markant platzierten Videospielhelden sorgten dafür, dass jeder unweigerlich mit den Augen für den Bruchteil einer Sekunde an den prachtvollen Figuren hängenblieb. Während die meisten jedoch konsequent ihren Monolog weiterführten und sich nichts anmerken ließen, gab es auch Kollegen die ganz genau wussten mit wem sie es hier zu tun haben. "Sam Fisher, nicht wahr?" "Korrekt erkannt." "Hab ich auch mal gespielt." Zwar blieb es oft bei diesen kargen Wortwechseln ohne Leidenschaft und Herzblut, aber die erste Phase hatte ich trotzdem erfolgreich abgeschlossen. Um den Prozess zu beschleunigen, montierte ich bunt bedrucktes Papier an den Wänden, wobei allen voran das Exemplar von Modern Warfare 2 für Gesprächsstoff sorgte. Plötzlich standen sie vor mir, Leute mit Krawatte und Aktentasche, die mir von ihren Onlinegefechten erzählten. Sie wussten, ich bin ein Verbündeter. Vor mir konnten sie ihre Hülle fallen lassen. Einen Striptease der Gefühle hinlegen, ihre Passion offenbaren. Ich hatte es geschafft, den Tarnschirm durchbrochen.
"Oh, Herr Küpper, Fallout 3?" Der nette Kollege hatte mein T-Shirt erkannt, dessen Frontdruck den guten kleinen Pipboy darstellte. Richtig, in meinem Kleiderschrank befinden sich auch ganze zwei T-Shirts die unserem Hobby huldigen. Eben jenes Fallout und ein schickes Exemplar zu Mirror's Edge. Das hat aber bis jetzt nur mal ein kleiner Junge an einer Haltestelle erkannt. Worauf ich aber hinaus wollte ist der klevere Schachzug meinerseits, auch bei Außeneinsätzen meine Tarnung bewusst zu ignorieren. Während man normalerweise bemüht ist nicht als Geek, Freak oder Nerd direkt in eine Schublade gesteckt zu werden, legte ich es genau darauf an. "Richtig! Sehr gut erkannt. Haben Sie das auch gespielt?" Und schon war ich im Rennen, hatte den nächsten vermeintlich seriösen Mitarbeiter enttarnt und nach wenigen Sätzen ein Spielerprofil erstellt - nur zu internen Zwecken versteht sich. Denn viel wichtiger als zu wissen was jemand spielt, ist das jemand spielt. Das Gefühl zwischen Personalfragen, Finanzhaushalt und Zugriffsrechten plötzlich bei Gran Tourismo zu landen ist berauschend. Egal ob Meeting, E-Mail oder kurzer Austausch im Flur, man ertappt sich dabei sich gegenseitig zu motivieren, empfiehlt Spiele und Konsolen. Es ist sehr interessant zu beobachten, wie gut wir Spieler uns zu tarnen vermögen. Wie wenig durchsickert, von der bizarren Gamepad-Leidenschaft, der Obsession Telespiel. Der Austausch ist gesittet. Während ich mich für manches böse Wort im Chat und Forum bisweilen selber schäme, würde mir dies im Büro nicht über die Lippen kommen. Während wir uns im Internet wohl eher so benehmen wie die eingangs erwähnten Tauben - wild umher scheissend - zählt im Büro der gepflegte Dialog und das Ausblenden von Vorurteilen. Hier wird nicht gebasht. Hier wird zugehört und Stellung genommen. Kritik übt eigentlich niemand
Mein Büro - ihr seht es - ist mittlerweile nur noch dezent geschmückt. Meinen Ruf habe ich mir aufgebaut und konnte die eher aufdringlichen und unreifen Figuren und Poster wieder in Kisten einlagern. Gekommen sind stattdessen die abgefuckt stylischen Space Invaders, die auf meiner Wand 24 Stunden lang eine unerbittliche, wenngleich ziemlich starre, Schlacht austragen. Man bemerkt die neonfarbenen Außerirdischen übrigens nur, wenn man das Büro verlässt. Die meisten Leute blicken neidvoll auf das von mir arrangierte Szenario. So ein Wandschmuck ist nicht üblich, außerdem kann nicht jeder direkt was mit den Pixeln anfangen. Vor einiger Zeit stand eine sehr nette Vorgesetzte in meinem Büro und blieb beim Verlassen an der beklebten Wand hängen. "Was ist das denn? Das kenne ich doch..." "Das sind die Space Invaders.", sagte ich, "Klar kennen Sie die. Eines der bekanntesten Videospieler aller..." "Videospiel?", wurde ich laut unterbrochen, "Hab ich nie was von gehalten!" Die Tür donnerte ins Schloss und mit offenem Mund blieb ich sprachlos alleine im Büro zurück. Der Kommentar traf mich mit eisiger Härte und erwischte mich auf völlig falschem Fuß. Ich hatte mich nicht mal wehren können. Im Regelfall beschwichtige ich die Leute dann mit der perfekten Hand-Auge-Koordination, weise auf die rasante Entwicklung der Industrie seit den Space Invaders hin oder bemerke, dass Film und Kino vom Telespiel in Sachen Umsatz abgehängt wurden. Wichtig ist natürlich auch noch der Unterschied zwischen Videospiel und dem hässlichen Zwilling, dem Computerspiel. Aber sie war schon weg. Dagelassen hatte sie nur ihre Meinung. Ihre offensichtlich rassistische Meinung. Und die haben viele.
Denn obwohl der Massenmarkt erobert wurde und viele Spiele salonfähig sind, so haben massenhaft Leute des Thema einfach verpasst. Das schlimme daran ist, dass sie in den 70ern gelebt haben. Sie hatten also die Möglichkeit auf den gerade losfahrenden Zug aufzuspringen, haben es aber nicht getan. Sie haben das Ticket nie gelöst... Im tristen Leben dieser Leute gibt es keine Endgegner oder Doppelsprünge. Sie brauchen ihre Passion nicht zu verstecken, denn sie haben keine. Und so werde ich weiter kämpfen, für eine gemeinsame Community gegen das Trübsal, für eine Welt voller Continues und Onlinegefechte.
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Master Chief
10:37 09.10.11 1.
wie immer genial geschrieben, shadow!
Lightning
10:38 09.10.11 2.
Sehr geil geschrieben, hat mir den Morgen versüßt.
DeinVater
10:53 09.10.11 3.
Yeah!
Rhino
11:04 09.10.11 4.
geil
Super geschrieben
oneikarus
11:05 09.10.11 5.
Während wir uns im Internet wohl eher so benehmen wie die eingangs erwähnten Tauben - wild umher scheissend

Die größten Tauben auf CW wollen wir mal an dieser stelle nicht nennen
super geschrieben
gaming 24:7
11:20 09.10.11 6.
Schöner Artikel. So macht Consolewarslesen wieder Spaß.
Timji
11:26 09.10.11 7.
Jetzt würde mich interessieren, welchen Job du genau hast

Finde den Text auch schön geschrieben und versuche momentan auch meinen Arbeitsplatz ein wenig zu schmücken... geht nur schlecht in einem Großraumbüro mit 30 Leuten. Habe jetzt immerhin 2 kleine Figuren neben meinem Monitor sitzen
Zum letzten Teil des Textes zitiere ich meinen Praktikanten:
"Was solls. Irgendwann sind diese Menschen ausgestorben und die Generation die mit Spielen großgeworden sind gehören zur Mehrheit. Ich hoffe nur, dass es keine Facebook-Spielermenschen sein werden..."
Toocay
11:31 09.10.11 8.
Hammer!
MyK
11:33 09.10.11 9.
Eine großartige Kurzgeschichte... ich hoffe doch mal to be continued?

Ashitaka
12:22 09.10.11 10.
Herrlich!
Vor allem der dezent angesetzte Seitenhieb...x3
daMatt
12:49 09.10.11 11.
Nice-1
In was für einem Amt verweilst du eigentlich als Doppelagent? So rein der Neugierde halber?
The Point
13:03 09.10.11 12.
Sehr schön

Die geheimen Videospieler. Das Hobby geht durch alle Schichten und fast alle Altersgruppen.
Erst gestern in ner Bar bei einem Geburtstag winkt mich ein alter Freund, mit dem ich früher des öfteren gezockt habe über den Tisch unauffällig heran. Ich dachte er hatte mit dem Verkauf seiner Xbox mit dem Zocken abgeschlossen doch dann höre ich von seinen Lippen doch tatsächlich: "Hol dir Gears 3!"
Und schon umspielte ein Lächeln meine Lippen
Montana
14:51 09.10.11 13.
Sehr schön geschrieben
kerntoni
15:16 09.10.11 14.
wirklich gut!
so wirds gemacht. zu seinem hobbie stehen.
affen die damit nichts anfangen können wirds immer geben.
ich kann zB auch nich mit segeln anfangen,.. andere leute feiern es..
der letzte abschnitt ist sehr sehr gut!
ZidaneTribal
15:19 09.10.11 15.
Schade, dass du heute die Figuren abgelegt.
Streicher
16:00 09.10.11 16.
Sehr schön geschrieben. Habe bei mir auf der Arbeit auch schon einige Zocker ausgemacht. Dieses strahlende Lächeln, wenn man einen Gleichgesinnten erkennt ist unbezahlbar. Man merkt sofort, wie die Gespräche von dem gewöhnlichen oberflächlichen Arbeitsgeschwätz in einen bunten, fantasievollen Erfahrungsaustausch wechseln. Wobei solche Gespräche erst zaghaft beginnen und gegenseitig ausgelotet wird, wie weit der andere ist und wie weit man selber gehen kann ohne als kompletter Nerd dazustehen.
shadowman
18:10 09.10.11 17.
Vielen Dank für eure netten Kommentare
Das hat etwas Sonne in diesen ansonsten so verregneten Sonntag gebracht!

Gerade in Jobs wo das SIE an der Tagesordnung ist.
Und schön ist auch, dass einige dieses Gefühl kennen
ZockerKauz
19:34 09.10.11 18.
Sehr geil geschrieben, war gerade zu traurig das nicht mehr war^^
Ich kenne das Gefühl auch, es gibt zwar Kollegen die den "Zug" erfasst haben und mit Pacman-Ohrringen und der gleichen kommen, aber dann gibs natürlich die andere Seite, die noch letztens ihren Gameboy verkauft haben...schade!
Ich öffne mich der Welt mit meinen Shirts und der NesTasche die ich hab ;D
MySc
20:10 09.10.11 19.
Wirklich sehr sehr toll! Mehr davon!
Johnny09
20:47 09.10.11 20.
sehr schön!
weiter so!
"...ein striptease der gefühle..." nice!
Sassanid
23:12 09.10.11 21.
Schön geschrieben
Captain Smoker
23:46 09.10.11 22.
Zugegeben, der erste Artikel der Reihe den ich gelesen habe, schön!
Haru
00:18 10.10.11 23.
geil
Super geschrieben
hailtotheking
07:30 10.10.11 24.
Bei mir auf Arbeit versuche ich trollface, rageguy und andere memes zu etablieren ^_^
TylerDurden2k
09:53 10.10.11 25.
ich raste aus!
der urlaubsplaner ist sensationell.
Bomberman82
12:09 10.10.11 26.
So geht es bei mir auf der Arbeit auch so ungefähr zu. Das lustige bei mir ist nur eines der etwas älteren Mitarbeiter mit Computerspielen bekannt seitdem er Kinect hat.
Ich sage ihm auch immer ,,Hey ich habe dich doch wiedar am Fenster gesehen, du warst immer der der am höchsten gesprungen ist".
BornToFrag
19:13 10.10.11 27.
...und konnte die eher aufdringlichen und unreifen Figuren und Poster wieder in Kisten einlagern. Gekommen sind stattdessen die abgefuckt stylischen Space Invaders...
Unreif...oida, wenn ich in ein Büro eines Gamers komme und ich sehe keine nerdigen Poster, Figuren, Werbungen udg., hast bei mir schon verloren^^ Ich hätt die Bude zugekleistert mit allen was ich an Zeug so hätte.
Imo steht man zu seinen Hobby's. Die Leute haben ja auch ihre Fischposter, Hello-Kitty's usw. an der Wand hängen.
FrancisHyde
23:14 11.10.11 28.
Ansich ein feiner text, aber ich befinde mich auch in der Arbeitswelt fest verankert und halte nichts von Zurückhaltung und tarnung, wer mein Hobby (mein Zimmer in Bildern durch meinen Blog vllt bekannt) nicht aktzeptieren kann hat ein Problem, welches ich mir aber nicht aufhalse, und was kleidung angeht häuft sich auch da immer mehr an, klar habe ich auch schlichte sachen, aber ich habe genau so ein Superman Shirt oder ein Shirt mit nem SNES controller darauf, wie eine mütze wo Supermans babyrakete drauf ist...
shadowman
17:55 12.10.11 29.
ich glaube ihr beide nehmt den text ein wenig zu ernst
und übrigens ist ein amt sicherlich noch was anderes. wir haben außenstellen, da sind poster schlicht und ergreifend NICHT erlaubt. das "problem", francishyde, hast du dann also doch - oder eben keinen job .
XKing
18:42 13.10.11 30.
Ich liebe dich.
Mal wieder klasse geschrieben.
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