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Die kosmische Konstante [5] - Super Mario Galaxy: Eine Reise zu den Sternen

Er ist der berühmteste Klempner der Welt. In seinem aktuellsten 3D-Abenteuer durchfliegt Mario kosmische Weiten und stößt dabei auf allerlei Fantastisches.

Montag, 22. August 2011 um 19:18 von Yggdrasill

Dieser Artikel stellt die Fortsetzung einer vor zwei Jahren begonnenen Serie dar. Am Ende des Textes befinden sich Verlinkungen, damit die anderen Teile der Serie ebenfalls eingesehen werden können.

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Der Weltraum ist scheinbar kahl. Zwischen den einzelnen leuchtenden Punkten der Milchstraße, Sterne genannt, liegt das kalte Nichts des Vakuums. Nur vereinzelt befinden sich in diesen interstellaren Regionen (Regionen zwischen den Sternen) Staubansammlungen, und von einem sichtbaren Punkt zum anderen zu gelangen ist schier unmöglich.

Doch wird die Schwärze des Weltraums durchdrungen von gleißendem Licht, wenn wir uns in der Nähe von Sternen befinden. Sie scheinen in rot, blau und gelb, ja sogar grün, wenn wir sie in einem anderen Spektrum wahrnehmen, etwa durch ein Röntgenteleskop oder eine Infrarotmaschine. Hier erkennt der geneigte Himmelsbeobachter die verborgenen Seiten des Weltraums, die wir nicht mit den Augen wahrnehmen können.

Wahrnehmung hat etwas mit Vorstellungsvermögen zu tun. Vorstellungsvermögen ist etwas, das vom Gehirn ausgeht. Nicht nur der Weltraum übersteigt dieses. Das All wird auch in vielen Medien abgebildet, doch können diese nur ein unzureichendes Bild dessen liefern, was wir als Wirklichkeit verstehen. Ein solches Medium ist das Videospiel, und oft genug entführt es uns in kosmische Welten, die aus dem Kopf eines höheren Wesens stammen könnten. Eines dieser Videospiele ist Super Mario Galaxy.

Gameplay, das nicht von dieser Erde stammt, herrliche Chöre, vermischt mit Posaunen und Trompeten, ganz und gar himmlische Farben machen dieses Spiel aus. Bei den meisten Gamern herrscht Einigkeit darüber, dass dieses Werk von Shigeru Miyamoto eines der besten Spiele aller Zeiten ist, und wenige bemängeln etwa, dass man keine größere Spielwelt hat, sondern 'nur' Planeten, und 'nur' schwebende Plattformen. Doch sind es unter anderem diese Aspekte, die das Spiel ausmachen.

In diesem Text möchte ich nun auf Aspekte der zwei Galaxy-Teile eingehen, die mit dem Universum zu tun haben und herausarbeiten, was die Entwickler von SMG eventuell beeinflusst haben könnte.


Das Spiel mit der Gravitation

Die zwei Super Mario Galaxy-Teile zeichnen sich durch vielerlei aus. Abseits der 'üblichen' Nintendo-Qualität findet sich allerdings ein ganz besonderes Novum: Das Gravitationssystem.



Auf Planeten herumhüpfen und mit einem Sprung umkreisen: Das und mehr ist in Super Mario Galaxy möglich.




Mario hüpft auf vielen Planetoiden herum. Diese sind meistens überschaubar klein und rund. Doch wenn er etwa einen Hechtsprung ausführt, kann er bei gutem Geschick für längere Zeit um diesen Planetoiden kreisen. Das Gravitationssystem kommt vor allem dann zur Geltung, wenn Mario etwa von einem im Himmel schwebenden Apfel auf eine Raupe hüpft, dabei kurzfristig in der Leere schwebt, um dann vom Gravitationsfeld der Raupe eingefangen zu werden.

Solche Spielchen kommen auch in den 2D-Abschnitten zur Geltung: Hier kann die Anziehungskraft, dargestellt durch gleichfarbige Pfeile, in verschiedene Richtungen gelenkt werden.

Dies erlaubt den Designern, verrückte Architekturen zu erstellen und Mario kopfüber und seitwärts laufen zu lassen, ohne dass es unlogisch wirkt. Es wird also ein Aspekt aus der Naturwissenschaft aufgegriffen, umgewandelt und für spielerische Zwecke benutzt. Dass dabei in Super Mario Galaxy auch Science Fiction eine Rolle spielt, kommt nicht von ungefähr.

In der Science Fiction spricht man von einem Novum, wenn ein Medium (Videospiel, Text, Film, etc.) Phänomene oder technische Geräte imaginativer Natur ein führt und sie für seine Zwecke benutzt. Dabei ist es nicht wichtig, ob diese Gegenstände oder Phänomene existieren können, solange sie im gewünschten Kontext plausibilisiert werden. Diese Plausibilisierung geschieht im literarischen Bereich etwa über wissenschaftliche Erklärungen – der Gegenstand wird rationalisiert. In Super Mario Galaxy 1 und 2 ist es der über alle Maßen hinaus gehende Einsatz der Gravitation. Es funktioniert, weil das Design und das Gameplay um ihn herum gebaut wurden und nicht umgekehrt. Das Gravitationssystem ist das Novum in den beiden Super Mario Galaxy-Teilen: Man muss seine Eigenschaften ausnutzen, um im Spiel weiter zu gelangen.


Eine Reise vom Kleinen zum Großen

Super Mario Galaxy und auch der Nachfolger sind aufgrund ihrer Welten eine Reise vom Bekannten in das Nichts des Kosmos, in immer größere und fantastischere Welten, die aus dem Gehirn eines Verrückten stammen könnten, wenn sie nicht die Faszination der Entwickler für den Weltraum und die ungeheure kreative Tragweite ausstrahlen würden, welche dieser mit sich bringt.




Zu den Sternen ist Mario schon längst gelangt.




Entdeckt man etwa in Super Mario Galaxy 2 beim Bildschirm der Levelauswahl in Welt 1 noch einen Planeten im Hintergrund, wird in Welt 2 das heimische Sonnensystem dargestellt. In Welt 3 ist eine Ansammlung von Sternen bzw. Sternenhaufen zu sehen, die wohl die nähere interstellare Umgebung darstellen sollen, in Welt 4 die Galaxis und in Welt 5 riesige Superhaufen von Galaxien. In Welt 6 findet sich schließlich das absolute Ende, nämlich ein Schwarzes Loch, welches kontinuierlich Materie auffrisst. Mit fortschreitender Reise wird die Musik dramatischer: Von der Fröhlichkeit der Heimat bis hin zu einem ewigen Materie-Loch stellt die Musik die steigende Gefahr durch die stets größer werdenden Entfernungen in immer dunkleren und düsteren Tönen dar. SMG 2 ist also eine Reise durch das Universum, vom Anfang bis zum Ende: Mario bewegt sich vom Kleinen zum Großen.

Meistert man alle Aufgaben im zweiten Teil, kommt man in ein utopisch-fantastisches Land, das als Belohnung aufzufassen ist: Was hat man mehr verdient, als zum Helden gekürt zu werden und den Zutritt zum geheimsten aller Bereiche zu erhalten, einem nicht existierenden Abschnitt im Raum, der scheinbar in einer anderen Dimension zu liegen scheint? Das Ziel des Spiels ist also nicht das schwarze Loch, sondern die mysteriöse letzte Welt, die man nur erreicht, wenn man sich allen Gefahren stellt.


Musik aus einer anderen Welt

Neben den optischen Aspekten und dem Gameplay, die sich beide teilweise aus Inhalten der Science Fiction und der Naturwissenschaft zusammensetzen, ist es vor allem die Akkustik und die verwendete Musik, die dem Spieler das Gefühl geben, im Weltraum zu sein.

Ich spiele hier nicht auf die klassischen Soundeffekte an, die wir schon Super Mario Bros. kennen, und auch nicht auf einige Musikstücke, die (teilweise) orchestrale Rearrangements bereits bekannter Stücke sind. Was ich meine, das ist die Musik, die von trashigen, schon längst dem Zuschauer entschwundenen Fernsehserien stammt.

Erkennbar ist, dass sich diese Musikstücke immer nur zu einem kleinen Teil inspirieren lassen, denn sie geben sich immer wieder als Musik zu erkennen, die aus einem Videospiel stammt. Sie (die Musik) schafft es, das Wahrnehmungsvermögen des Spielers einzulullen, ihn in die Welt zu holen, die dargestellt wird, und eine Tür abzuschließen, sodass man sich 'mitten' im Spiel fühlt.

Doch ist es nicht die einzelne Musik, sondern der Soundtrack als Ganzes. Dieser ist das nämlich das, was dem Spieler am meisten in Erinnerung bleibt. Wird die besondere Musik auch noch mit besonderem Gameplay verknüpft, sind das Erlebnisse, die haften bleiben – nicht einzeln, sondern als kompositorisches Gesamtstück.



Im Hintergrund ist die weitläufige Architektur des Levels zu sehen, ein fantastischer Aspekt reiht sich an den nächsten.




Schlussworte

Es fällt schwer etwas über ein Spiel, oder vielmehr über beide Spiele zu schreiben, das nicht ein Tester oder Fan in den Weiten des Internets schon geschrieben hat. Die Gefahr der Wiederholung ist groß, und dennoch bin ich mir sicher, dass noch niemand die Spiele aus diesen Blickwinkeln betrachtet hat.

Das Spiel lenkt die Wahrnehmung des Spielers wie der leuchtende Stern die Augen und das Teleskop des Astronomen: Es vermag, in interpretatorische und analytische Tiefen einzutauchen, die wir oberflächlich und unterbewusst als 'Genialität' des Schöpfers (Miyamoto) wahrnehmen. Genau diese sind es jedoch, die dem Spieler in Erinnerung bleiben und den Ruf eines Spiels gründen: Wir spüren, dass sich die Entwickler tiefsinnig mit dem Thema und der Materie befasst haben, wir sehen bewusste Designentscheidungen und hören die passende Wahl der Musik.

Neben der famosen Spielbarkeit liegt den Spielen also ein tiefes Verständnis der Entwickler für den Kosmos zugrunde: Verständnis für das Vergängliche und Monotone, gleichzeitig aber auch Aufregende und Faszinierende, dass uns in Super Mario Galaxy, wie in vielen anderen Medien auch, mit jedem Schritt Marios begegnet.

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