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Das Problem mit Dark Souls' Ruf

"Prepare to die" - ein zweischneidiges Schwert

Montag, 31. Oktober 2016 um 01:04 von MeanMrMustard

Woran denkt man zuerst, wenn man an den Namen „Dark Souls“ denkt? Mit der Dark Souls-Reihe erfahrene Spieler denken zuallererst an majestätische, aber düstere Fantasywelten, eine bedrückende und geheimnisvolle Atmosphäre und natürlich die für die Serie charakteristischen epischen Bosskämpfe.
Doch woran denkt der Außenstehende zuerst? Nicht nur der Gelegenheitsspieler, sondern auch viele der Ottonormal-Videospielenthusiasten, die sich zwar viel mit ihrem Hobby beschäftigen, sich aber noch nie an einen Teil der Souls-Reihe gewagt haben, erschaudern beim Namen „Dark Souls“ und denken an all die Mythen, die sie um diese Spielereihe gehört haben.
Ein Videospiel-Franchise, das nur für die erlesensten aller Core-Gamer reserviert ist. Gnadenlos schwer, absolut erbarmungslos und einfach „nichts, das mir Spaß machen würde“ oder „nichts, für das ich genug Ausdauer hätte“. Stark verallgemeinert sind das die Aussagen, die man immer wieder von Leuten hört, deren Bekanntschaft mit der Souls-Reihe sich ausschließlich aufs Hörensagen beschränkt.


Die einschüchternden und kreativ designten Bosse waren schon immer eines der Markenzeichen
der Souls-Reihe.

Aber man kann es ihnen ja auch nicht verübeln. Schließlich war „Prepare to die“ sogar für lange Zeit der offizielle Marketing-Slogan dieser Spiele – ein Satz, den man bis heute noch gerne mit ihnen assoziiert. Und auch das Ausmaß, in dem die Core-Gamer-Gemeinde auf diesen Satz angesprungen ist, spricht nicht gerade dafür, dass Dark Souls ein besonders einladendes Spiel ist. Dieser leicht provokative Slogan, der den Leser geradezu verspottet, ihn dazu herausfordert, sein Glück in der düsteren Welt von Lordran zu versuchen – sofern er mutig genug dazu ist – wirkt auf viele potenzielle Spieler erstmal abschreckend.
Auf der anderen Seite impliziert dieses Marketing natürlich auch, dass Dark Souls ein Spiel ist, das endlich, gerade in Zeiten immer leichter werdender Spiele, eine wahre Probe für „echte Gamer“ darstellt. Dass genug Leute auf diese Werbebotschaft, sowie die daraus resultierende Mund zu Mund-Propaganda, angesprungen sind, zeigt der Erfolg, den die Souls-Reihe bis heute feiert.

Und ich möchte Dark Souls hier gar nicht verharmlosen. Das Marketing ist natürlich nicht völlig irreführend und es ist völlig wahr, dass Dark Souls ein anspruchsvolleres Spiel ist, als wahrscheinlich 90% der restlichen Blockbuster-Produktionen der letzten zehn Jahre. Ich denke viel mehr, dass dieser Ruf, den Dark Souls über die Jahre erworben hat, ein zweischneidiges Schwert ist. Auf der einen Seite macht er die Reihe attraktiv für Spieler, die explizit nach einer Herausforderung suchen, auf der anderen Seite jedoch schüchtert er viele Leute, die sicherlich auch ihren Spaß mit der Reihe haben könnten, unnötig ein.

Meine Meinung dazu kommt nicht von Ungefähr. Ich hätte zu diesem Thema eine kleine Anekdote.


„Auf so ein unfaires Spiel habe ich keine Lust!“





Wer Dark Souls 1 gespielt hat, hat es vermutlich zumindest über das Tutorial-Gebiet hinaus zum Firelink Shrine (dt.: Feuerband-Schrein) geschafft. Für Leute, die bisher noch nicht in den Genuss kamen, Dark Souls 1 spielen zu dürfen: Der Firelink Shrine ist eine Art Hub-Area zu Beginn des Spiels, in die der Spieler nach dem Tutorial geworfen wird. Man findet dort einige mehr oder weniger freundliche NPCs, ein paar kleinere Geheimnisse, sowie insgesamt drei mögliche Wege, die man beschreiten kann, um im Spiel voranzukommen. Das Spiel kommuniziert dem Spieler dabei nicht direkt, welche Richtung diejenige wäre, in die er als frisch gebackener Low-Level-Charakter am besten gehen sollte, um nicht von viel zu starken Monstern zerfleischt zu werden – es überlässt dem Spieler die komplette Freiheit über die Entscheidung, wohin er als erstes gehen möchte.
Nur einer dieser drei Wege ist jedoch wirklich dazu geeignet, von einem neuen Spieler mit schwachem Charakter bestritten zu werden. Doch was ist, wenn der Dark Souls-Neuling sich dazu entscheiden sollte, zuerst einen der schwierigeren Wege auszuprobieren?


Von diesem idyllischen Gebiet ist im Abschnitt rechts die Rede.

Ich habe dazu von mehreren Personen (allesamt Personen mit Videospielerfahrung) folgende Geschichte gehört: „Ich kam im Firelink Shrine an, hab das Gebiet ein wenig erkundet und bin dann diesen einen Weg entlanggelaufen, auf dem die Skelette aus dem Boden kommen.“
Gemeint ist der Weg zum Friedhof. Ein Weg voller Skelette, für die ein schwacher Charakter dutzende Schläge mit der Waffe benötigt, um überhaupt eines von ihnen in die Knie zu zwingen. Die Skelette hingegen schlagen gnadenlos mit Giftschaden und starken Angriffen zurück.
So geht die Geschichte weiter: „Ich habe immer und immer wieder gegen diese Skelette gekämpft, hatte aber absolut keine Chance und habe dann aufgehört, zu spielen, weil ich das Spiel zu frustrierend fand.“

In diesem speziellen Fall kommen zugegebenermaßen schon viele Variablen zusammen und nicht jeder Spieler wird zu Beginn auf dieses Problem stoßen. Allerdings liegt hier ein viel allgemeineres Kernproblem vor: Niemand dieser frustrierten Spieler hat in Erwägung gezogen, dass der Weg mit den scheinbar unsterblichen Skeletten der falsche sein könnte.
Denn was denkt man sich normalerweise, wenn man in einem RPG einen Weg findet, auf dem die Gegner einen regelrecht zermürben? Man denkt sich: „Ok, hier komme ich besser später nochmal hin, wenn ich einen höheren Level oder bessere Ausrüstung habe.“

Doch alles was diese frustrierten Spieler bisher zu Dark Souls gehört haben, war „Dark Souls ist so ein schweres Spiel“. Ein Satz, der ihnen von allen möglichen Seiten immer wieder rauf- und runtergebetet wurde. Jeder dieser Spieler dachte, der Weg mit den unsterblichen Skeletten sei der richtige Weg, den die Entwickler für sie vorgesehen hatten. Sie dachten, Dark Souls sei die Art von Spiel, die so frustrierend ist, dass man selbst am Anfang schon Gegnern gegenübersteht, an denen man sich als Neuling gnadenlos die Zähne ausbeißt.
Dem ist jedoch nicht so. Ganz im Gegenteil.


Der Pfad der Erleuchtung





An dieser Stelle gebe ich mal eben zu, dass ich selbst eine der Personen war, die sehr irritiert vor diesen „unsterblichen“ Skeletten stand, die einem da am Anfang präsentiert wurden. Ich habe zu Beginn des Spiels mindestens zwanzig Minuten damit zugebracht, an diesen unfairen Gegnern vorbeizukommen, bis ich zu frustriert war und dann erstmal einen der anderen möglichen Pfade ausprobiert habe. Und siehe da: Die Gegner auf dem anderen Pfad waren absolute Schwächlinge, die ich mit zwei Hieben meines Kurzschwertes besiegen konnte.
Was viele nicht wissen und was immer noch viel zu wenig unter den Spielern kommuniziert wird, ist, dass Dark Souls zwar ein anspruchsvolles Spiel ist, jedoch in erster Linie auch ein faires Spiel.

Der Irrglaube, Dark Souls sei ein haarsträubend sadistisches Spiel, ist am Ende nämlich nichts weiter als das, was er ist: Ein Irrglaube.
Die langjährigen Fans, die jeden Teil der Souls-Reihe über hunderte Stunden hinweg gespielt haben, spielen Dark Souls nicht aus dem Grund, dass es schlichtweg schwer ist. Der Reiz von Dark Souls liegt darin, ein Spiel zu haben, das einen als Spieler nicht an die Hand nimmt. Es traut dem Spieler mehr zu, als viele andere moderne Videospiele, (die augenscheinlich jeden Spieler für den „dümmsten anzunehmenden User“ halten,) ihm zutrauen würden.
Dark Souls ist ein Spiel, das Geduld und überlegtes, vorsichtiges Vorgehen belohnt. Geschick in Dark Souls ist nicht abhängig von der Agilität der Finger, die den Controller bedienen. Wer in diesen Spielen erfolgreich sein möchte, muss vor allem eines: Den Kopf benutzen, um die Probleme zu bewältigen, mit denen das Spiel den Spieler konfrontiert.

Majestätische Aussichten wie diese belohnen all die Strapazen.


Und selbst wenn der Einstieg für den ein oder anderen schwerfallen sollte: Es steht jedem Spieler frei, jederzeit Hilfe in Form von anderen hilfsbereiten Spielern anzufordern, die dem Dark Souls-Neuling dann gerne in bester Koop-Manier bei dem ein oder anderen knüppelharten Bosskampf unter die Arme zu greifen.

Ein anderes weitverbreitetes Argument, das gegen das Spielen der Reihe spricht, ist: „Ich habe gar nicht genug Zeit, mich so sehr in dieses Spiel reinzuarbeiten.“
Zugegeben – der Einstieg in Dark Souls erfordert ein wenig mehr Konzentration und Finesse, als der Einstieg in viele andere Spiele. Hat man allerdings die erste Hürde genommen und ist nach den ersten ein bis drei Stunden vertraut mit den verschiedenen Mechaniken des Spiels, ist es ein Leichtes, auch mal nur eine halbe Stunde in der Welt von Dark Souls vorbeizuschauen (sofern die Sucht nach mehr dann nicht schon zu groß ist).
Jede Minute in Dark Souls bringt Fortschritt mit sich und beinahe jede kleinste Aktion wird automatisch vom Spiel gespeichert, sodass man sein Spiel jederzeit unterbrechen kann, sollte dies einmal erforderlich sein.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass man in Dark Souls nicht nur seinen Charakter auflevelt, sondern auch stetig sein Können als Spieler und sein Verständnis der Welt und ihrer Regeln erweitert. Selbst wenn der halbstündige Feldzug durch Horden von Gegnern am Ende durch nichts Anderes belohnt wird, als den Bildschirmtod, lernt man als Spieler aus seinen Fehlern und wird an derselben Stelle kein zweites Mal sterben.


Dark Souls II – Das schwarze Schaf der Familie?





Der größte Teil dieses Lobgehudels, das ich gerade auf die gesamte Dark Souls-Reihe abgelassen habe, trifft auf jeden einzelnen Ableger der Trilogie, sowie das geistige Kind Bloodborne, zu. Jedoch merkt man speziell im Fall von Dark Souls II, dass die Gamedesigner hier deutlich andere Prioritäten hatten, als in den restlichen Teilen.

Nachdem Dark Souls 1 mit seinem Slogan „Prepare to die“ zum weltweiten Phänomen geworden ist, dachten einige zuständige Personen wohl, es wäre bei der Produktion des Nachfolgers das Richtige, dem Spieler noch mehr „Prepare to die“ zu geben.

In Dark Souls II findet der geneigte Spieler deshalb eine deutlich größere Zahl der „unfairen“ Passagen, für die die gesamte Reihe im Nachhinein unrechtmäßig gescholten wurde. Ständig kam man als Spieler in Areale, die von uninspirierten Gegnermassen geradezu überschwemmt waren, ohne die Finesse des Gegnerdesigns der ersten beiden Teile wiederzufinden. Die Schwierigkeit wirkte in diesem Spiel teilweise tatsächlich ein wenig arbiträr und zu sehr auf reinen Sadismus seitens der Entwickler ausgelegt.


Auch trotz solch unschöner Begegnungen bleibt Dark Souls II noch ein überdurchschnittlich gutes Spiel.

Dass Dark Souls II in dieser Hinsicht gegenüber dem Rest der Reihe ein wenig abfällt, ist fast drei Jahre nach Release dieses Spiels natürlich schon ein alter Schuh. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch nicht weiter darauf eingehen, wieso genau das Gameplay von Dark Souls II an den entscheidenden Stellen ein wenig unfokussiert wirkt.
Ich möchte hier nur nochmal darauf verweisen, dass die ursprüngliche Dark Souls-Erfolgsformel in diesem Spiel als Nachfolger von Dark Souls 1 (aka „Prepare to die“) gewissermaßen vom Marketingteam und der elitären Fangemeinde verwässert wurde.

Die Folge des „unfairen“ und teilweise frustrierenden Dark Souls II war, dass viele Dark Souls-Neulinge, die mit dem zweiten Teil der Reihe einsteigen wollten, nachhaltig von der Souls-Reihe abgeschreckt wurden. Der zweite Teil bestätigte viele der Schreckensgeschichten, die sie über die grausam schwierige Souls-Reihe gehört hatten. Sie gaben in Folge dessen also ihr Interesse an der kompletten Reihe auf – und das obwohl sie eventuell mit dem ersten Teil viel Spaß hätten haben können. (Auch hier kenne ich wieder aus erster Hand Personen, die sich in dieser Situation befanden).


Der frische Wind der Videospielwelt





Doch wieso nerve ich hier eigentlich mit dem ganzen Gefasel, das mich aussehen lässt, wie einen Dark Souls-Fanboy?
Ganz einfach: Ich denke, die Souls-Reihe ist ein ganz außergewöhnliches Phänomen der modernen Videospiellandschaft und ein wichtiger Meilenstein für die Zukunft des AAA-Gamings. Und so viele Fans sie auch schon ihr eigen nennen darf – es ist immer noch Luft nach oben. Ich denke, die Anzahl der Personen, die zwar grundsätzlich an den Souls-Spielen interessiert, aber gleichzeitig auch etwas eingeschüchtert vom Ruf der Reihe ist, ist noch immer viel zu hoch.

Denn nur wenn diese Reihe langanhaltend noch mehr Anklang finden kann, ist sie als Speerspitze einer Bewegung von anspruchsvolleren AAA-Spielen dazu in der Lage, noch mehr kleinere Spiele in ihrem Windschatten mitzureißen. Beste Beispiele dafür sind das in Kürze erscheinende Nioh von Team Ninja, sowie dutzende kleinere Indie-Games, die sich stark an der Dark Souls-Philosophie orientieren.
Doch nicht nur Spiele, die sich so offensichtlich von Dark Souls haben inspirieren lassen, profitieren von der Popularität einer anspruchsvollen Reihe wie Dark Souls. Auch Spiele wie das in diesem Jahr erschienene Doom sähen sicherlich ein wenig anders aus, gäbe es heutzutage nicht diesen großen Markt für AAA-Titel mit ein wenig mehr Anspruch, als der 08/15-Deckungsshooter es einem zutraut.

Ich möchte die Relevanz von Dark Souls hier selbstverständlich auch nicht überbewerten. Dark Souls ist schließlich auch nicht der Videospiel-Messias, für den es von so manchem Fan gehalten wird. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Spiele einen großen Einfluss auf die heutige Videospiellandschaft hatten – und das völlig zurecht.


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