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Das missverstandene Wolfenstein-Revival

Naughty Dog bekommt Konkurrenz

Mittwoch, 15. November 2017 um 00:40 von MeanMrMustard

Wir leben in einer Zeit, in der man große Publisher allein dafür loben muss, reine Singleplayer-Spiele ohne irgendwelche Microtransactions zu veröffentlichen. Umso beeindruckender ist es, dass Bethesda in diesem Jahr mit Prey, The Evil Within 2 sowie Wolfenstein II: The New Colossus gleich drei interessante und einzigartige Blockbuster auf den Mainstream-Markt losgelassen hat. Sogar die Nintendo Switch bekommt AAA-Singleplayer-Futter in Form der Klassiker Skyrim und Doom sowie einem Port des frisch veröffentlichten Wolfenstein-Titels. Und was Wolfenstein II: The New Colossus für ein Spiel geworden ist...

Schon Wolfenstein: The New Order hat 2014 überrascht, indem es das klassische Shooter-Franchise mit einer überraschend vielschichtigen Story versehen hat. (Mehr dazu in diesem Feature.) Dennoch ist sowohl beim Ersting, als auch beim Nachfolger klar ersichtlich, dass Bethesda hier nicht der massentaugliche Verkaufsschlager à la Call of Duty oder Battlefield gelungen ist.


Die neuen Wolfenstein-Titel bieten weit mehr als nur ordentliche Action.

Die Wolfenstein-Reboots widersetzen sich kühn sämtlichen Trends aktueller Mainstream-Shooter. Gängige Shooter haben einen starken Fokus auf ihre Multiplayer-Komponente sowie eine Kampagne mit einfach verdaulicher Action-Story, welche eher als Beiwerk existiert. Der Schwierigkeitsgrad und das Gamedesign sind in diesen Wegwerf-Kampagnen so balanciert, dass eine kompromisslose Machtfantasie für den Spieler entsteht.
Dass sowohl The New Order, als auch The New Colossus mit sämtlichen dieser Konventionen brachen, polarisierte die Fans. Wolfenstein-Veteranen, die mit den Ablegern der letzten drei Jahrzehnte vertraut sind, waren irritiert vom neuen Ton, den die Reihe mit The New Order anschlug. Auf der anderen Seite holte sich die Wolfenstein-Reihe durch die neue Ausrichtung aber auch massig frische Fans ins Boot. Allem voran Leute, die mit First Person-Shootern normalerweise nicht viel anfangen können.

Dass Fans der älteren Wolfenstein-Titel mit dem neuen, sensibleren Charakter B.J. Blazkowiczs nicht ganz zufrieden waren, dürfte da nur das i-Tüpfelchen sein. Waren die klassischen Wolfenstein-Titel noch beinharte Ballerorgien mit Non-Stop-Action, so gibt es heutzutage über zwei Stunden Cutscenes sowie ausufernde „Walking Simulator“-Passagen. Was soll man davon halten?


Die Speerspitze des Videospiel-Storytellings



Sämtliche Cutscenes sind stilsicher inszeniert. Auch die Leistungen der
Schauspieler sind absolut umwerfend.



Hakenkreuz-Zensuren haben im Jahr 2017 nichts mehr in Spielen verloren.

Meiner Meinung nach gehört Wolfenstein II: The New Colossus zu einem der absoluten Vorzeigetitel für fesselndes Storytelling in AAA-Spielen. Die Geschichte des Spiels präsentiert dem Spieler eine Charakterstudie über Unterdrückung und Emanzipation. Sie reißt den Spieler emotional mit und behandelt gleichzeitig eine beeindruckende Bandbreite gesellschaftlicher, philosophischer und politischer Themen, welche selbst über 70 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg noch relevant sind.
Die Nazis sind nicht nur Kanonenfutter, sondern gleichen beinahe einer Apokalypse. Sie sind zu übermächtig, um sie wirklich besiegen zu können. Und wie in jeder guten postapokalyptischen Geschichte geht es in den Wolfenstein-Reboots eher darum, zu zeigen, wie die Charaktere sich mit den Folgen der Apokalypse arrangieren, anstatt darum, die Apokalypse rückgängig zu machen.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich jedem Interessierten über 18 mit ausreichenden Englischkenntnissen nur ausdrücklich empfehlen kann, auf keinen Fall die deutsche Fassung des Spiels zu kaufen. Ein UK-Import ist heutzutage einfacher und günstiger als je zuvor. Und die Zensur von Wolfenstein ist in einem Deutschland, in dem Videospiele seit 2008 offiziell als Kulturgut anerkannt sind, so unnötig wie ärgerlich. Nicht zuletzt, weil Bethesda bei The New Colossus mit der Selbstzensur weit übers Ziel hinausgeschossen ist. Anstatt nur die üblichen verfassungsfeindlichen Symbole zu ersetzen, hat man diesmal das komplette jüdische Volk sowie jegliche Implikation des Holocausts herausgekürzt. Da muss man sich fragen, was anstößiger ist: Die Geschichte des jüdischen Volks im Spiel zu erwähnen oder sie zu verleugnen? Deutschland sollte seine nationalsozialistische Vergangenheit und die vielen menschlichen Opfer dieser Zeit mit Respekt behandeln. Einzig aus diesem Grund wurde die Gesetzesklausel, die für Wolfensteins Zensur verantwortlich ist, überhaupt eingeführt.
Jetzt mal ganz davon abgesehen, dass ohne solche essentiellen Handlungselemente eine komplett verzerrte Atmosphäre und Geschichte entsteht. Auch die zu 100% eingedeutschte Synchronisation der deutschen Version lässt viele Nuancen der absolut erstklassigen englisch-deutschen Vertonung der internationalen Fassung verloren gehen.

Doch das nur am Rande. Wo wir gerade von schauspielerischen Talenten geredet haben: Die Darbietungen sämtlicher Schauspieler, bzw. Sprecher der internationalen Fassung gehören mit zum Besten, was ich jemals in einem Videospiel gesehen oder gehört habe. Die Performances sind nicht nur durch die Bank authentisch gespielt sowie hervorragend animiert. Sie vermitteln darüber hinaus durch Feinheiten, wie Dialekte oder Akzente, wichtige Informationen über jeden der vielschichtigen und einzigartigen Charaktere des Spiels. Auch die filmische Inszenierung der Cutscenes bewegt sich auf einem derartig hohen Niveau, dass jede einzelne Sekunde aus einer überdurchschnittlichen TV-Serie stammen könnte. Dasselbe gilt für die inhaltliche sowie stilistische Qualität der Dialoge und der übergreifenden Handlung. Das ist ein Lob, welches ich nur für äußerst wenige Spiele aussprechen würde. (Hallo, Yakuza 0.)


Wer hätte gedacht, dass es so interessant sein kann, B.J. Blazkowiczs
Kindheit zu erkunden?



Wolfenstein II: The New Colossus ist ein wenig wie Mass Effect 2 - es
lebt von seinen großartigen Charakteren.

Natürlich – ich wäre normalerweise der Erste, der sagen würde, dass Spiele es auf keinen Fall nötig haben, sich in ihrer Präsentation den Vorlagen aus Film und Fernsehen anzubiedern. Spiele haben deutlich innovativere und intuitivere Möglichkeiten, eine Story zu vermitteln, als klassische visuelle Medien sie haben. (Wer mehr dazu wissen möchte, darf gern mein kontrovers diskutiertes Hellblade-Feature lesen.) Trotzdem habe ich nichts gegen ausufernde Cutscenes, wenn sie sich auf einem derartig hohen Niveau wie in Wolfenstein bewegen. Dass die hervorragenden Old School-Shooter-Passagen bei einem so großen Fokus auf die Handlung eher zum Beiwerk werden, würde ich im Kontext von Wolfenstein sogar positiv beurteilen.

In The New Colossus ist der Spieler nur geschätzt zwei Drittel der Gesamtspielzeit mit dem tatsächlichen Zerlegen von Nazis zugange. Und an dieser Stelle der Debatte beginnt der Hauptteil des großen Missverständnisses, welches die Reboots der Wolfenstein-Reihe umgibt. Shooter-affine Spieler, die auf dem Cover eines Spiels den Markennamen „Wolfenstein“ lesen, erwarten selbstverständlich Non-Stop-Action vom Feinsten. Da kommt es dann zu einem bösen Erwachen, sobald das Spiel mit knapp 15 Minuten Filmsequenzen über B.J.s Kindheit beginnt und der fragile Hauptcharakter kurz darauf erstmal nur im Rollstuhl um sich ballert.

Die erfreuliche Kehrseite dieses segmentierten Spielaufbaus ist aber, dass, durch die bewusste Aufteilung in Action- und Story-Passagen, jedes der Feuergefechte einen bedeutungsvollen Kontext hat und sich tatsächlich wichtig anfühlt. Jeder Entwickler kann die Hauptfigur seines Spiels von einem Kreuzfeuer ins nächste jagen. In The New Colossus jedoch, weiß der Spieler jederzeit, wieso er gerade kämpft. Noch dazu liefern die zahlreichen Charaktere des Spiels eine zusätzliche Motivation, alle Nazis aus Amerika zu vertreiben.
Die Nazis sind auf eine Weise charakterisiert, die einerseits glaubwürdig ihre historischen Gräueltaten reflektiert und andererseits Hass im Spieler schürt. Doch auch B.J.s sympathische Freunde - allen voran seine Geliebte, Anya, die mit seinen zwei Kindern schwanger ist - liefern einen Grund für den Spieler, den Krieg gegen das Regime zu gewinnen.

Ein starker Storyfokus in traditionell Gameplay-orientierten Genres kann also durchaus funktionieren. Meiner Meinung nach haben MachineGames mit The New Colossus sogar einen deutlich besseren Job gemacht als z.B. Naughty Dog bei ihren Spielen – und das obwohl Naughty Dog häufig als die besten Entwickler für storylastige Action-Spiele gefeiert werden.
Die entscheidenden Punkte, in denen MachineGames brillieren, sind: Erstens, dass ihre Geschichte besser mit dem Gameplay Hand in Hand geht. Und zweitens, dass ihre Geschichte weit mehr Tiefe bietet, als das kurzweilige Popcornkino der Uncharted-Reihe es vermag – so unterhaltsam dieses auch sein mag.

Eine meiner Lieblingsstellen in The New Colossus war B.J.s Ausflug nach Roswell, einer Stadt im Süden Amerikas. Dort darf der Spieler undercover und in bester Walking Simulator-Manier ein paar Straßen erkunden. Besonders interessant ist hierbei, herauszufinden, wie das amerikanische Volk sich mit der Nazi-Besatzung arrangiert hat. Es wird schnell ersichtlich, wie erschreckend zufrieden die weiße Bevölkerung der USA mit dem Status Quo ist. Alle lernen eifrig die deutsche Sprache, genießen ihre geordneten Tagesabläufe und erfreuen sich an der Wiedereinführung der Sklaverei. Vor allem der örtliche Ku-Klux-Klan scheint hervorragend von der nationalsozialistischen Besatzung zu profitieren. All diese kritischen Themen behandelt The New Colossus auf eine respektvolle Art und Weise. Trotzdem streut es häufig eine angemessene Prise Zynismus ein, die das Gesamtwerk unmissverständlich zur Gesellschaftskritik garniert. Vor allem im gegenwärtigen politischen Klima verleiht eine solche kritische Ebene der Handlung eines Spiels eine interessante Tiefe und Relevanz.


“Keep your politics out of my games!“



Wolfenstein II zeigt ein weißes Amerika, welches erstaunlich schell
Gefallen an der Nazi-Ideologie gefunden hat.

Es existiert im Internet ja der berühmte Satz „Keep your politics out of my games!“ Aber wieso? Selbstverständlich sollte unschuldiger Eskapismus à la Super Mario Odyssey nicht verloren gehen. Aber wieso sollten wir uns grundsätzlich gegen Fortschritt im Medium wehren? Die neuen Wolfenstein-Spiele mögen nicht jedermanns Sache sein. Aber müssen Spiele stets unbedingt jeden erreichen? Aus wirtschaftlicher Sicht natürlich schon. Wenn niemand The New Colossus kauft, dürfte der dritte Teil der Trilogie in seinem Budget deutlich weniger üppig ausfallen. Aber grundsätzlich ist mehr Vielfalt im Spielebereich doch ein Gewinn für alle Spieler. Call of Duty als Feierabend-Snack für Shooter-Fans wird so schnell sicher nicht verloren gehen. Wolfenstein II: The New Colossus hingegen ist ein Gewinn für jeden Spieler, der beim Spielen gerne auch mal innehält und über das Bildschirmgeschehen nachdenkt - so unpassend das für eine Reihe, deren Hauptcharakter nach einem Blowjob-Witz benannt ist, auch sein mag.
All das soll außerdem nicht bedeuten, dass Wolfenstein in seiner neusten Iteration sein überspitztes B-Movie-Flair oder seinen Exploitation-Humor verloren hätte. Es ist bewundernswert, wie gekonnt die Entwickler all die verschiedenen Elemente zu einem kohärenten Gesamtpaket vermischen. Angefangen beim knallharten Old School-Shooter-Gameplay, bis hin zur Thematisierung einiger der düstersten Themen der Menschheitsgeschichte. Wolfenstein II: The New Colossus ist ein absoluter Ausnahmetitel seines Genres, den jeder Fan narrativer Spiele unbedingt spielen sollte.


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