Überflussgesellschaft
...Think like a Gamer #20
Sonntag, 15. Januar 2012 um 18:32 von
Fehlgeleitetes Konsumverhalten und dessen Folgen
Silvester. Was ist das für ein Fest! Es wird geknallt - und zwar alles und jeder - wo man sich doch zuvor den Bauch nicht voller hätte schlagen können. Völlerei würde den Prozess beschönigen, denn man frisst bis alle Luken voll sind. Es ist, gemeinsam mit der Weihnacht, die Zeit des Konsums. Der Mensch krallt sich nicht mehr fest an jeden Euro, freigiebig erbeutet er stattdessen Fleisch, Käse, Wein, Schokolade und Sahne. Man mästet sich im heimischen Wohnzimmer, es herrscht Überfluss.
Viele Spieler, die mehr in das Hobby investieren als gelegentlich vor dem TV herum zu hampeln, kennen eine ähnliche Art des Überflusses nur zu gut. Es ist wie eine Krankheit, eine Seuche und vermeintlich geheilte Leute erleiden mitunter schwere Rückfälle. Schuld an der Misere haben bestimmte Monate im Jahr, allen voran März, September und Oktober. In jenen Monaten verwandeln sich die Publisher in Gift spuckende Schlangen, die in einem unfassbaren Tempo hochwertige Spiele in die Regale speihen. Wird man als Telespieler von diesem Gift getroffen, ist man gelähmt. Wer sich nicht zu der pseudo-intelektuellen Gruppe zählt, die von sich glaubt zu hochwertig für einen Ego Shooter zu sein, der ist gefangen in jenem Zustand der Paralyse: Man kann einfach nicht all das spielen was auf den Markt kommt...
Ein Auszug aus meiner Vita: Einst besaß ich 283 Xbox 360 Spiele, fein sortiert und aufgereiht. Wie durch ein Wunder gelang es mir, bis zu einem bestimmten Punkt - etwa Spiel 220 - zu jedem Exemplar einen Testbericht zu verfassen, oft sah ich sogar den Abspann. Eines Tages dann, verlor ich die Sammlung. Auf einmal standen mir über 40 ungespielte und unrezensierte Spiele gegenüber, die mich jeden Tag mit Spott und Hohn begrüßten. Als der Druck zu groß wurde und ich an einem Abend voll Sorge und Kummer einschlief, überraschte mich im Traume der allmächtige Gott des Telespiels. Mit tiefer, eindringlicher Stimme sagte er: "Mein Sohn, was du tust missfällt mir. Überdenke dein Konsumverhalten und ändere dich. Nicht dem Überfluss gebührt die Ehre, sondern dem Detail. Sonne dich länger in weniger..." Mit diesen Worten tätschelte er mir im Gesicht herum und liebkoste meine Stirn. Der Traum war vorbei.
Als ich am darauffolgenden Morgen mit einem Stift in der Hand aufwachte, markierte ich all jene Spiele, die ich nicht mehr spielte und die keinen Mehrspieler besaßen. Viele Wochen vergingen und die Sammlung war auf 25 Einheiten reduziert. Eine imposante Leistung wie ich finde. Während des Ausverkaufs durchströmte mich die Weisheit des Videospielgottes und ich sehnte mich nach einer hochwertigen, handverlesenen Sammlung, in der ich jedes Spiel bis zum Abspann gespielt habe und es obendrein einen Test (von mir) gibt. Doch es war mir nicht vergönnt.
Dass ich den Luxus der neu gewonnen Freiheit teuer erkaufen musste, mit einem herben finanziellen Verlust beim Verkauf, war nicht das einzige Dilemma. Nein, denn wer einmal im Sumpf der Sucht gewandert ist, der ist anfällig, der muss sich hüten. Der Lockruf des Videospiels ist verführerisch wie der Gesang einer Sirene. Mit Trailern, Angeboten, viralem Marketing und den unschlagbaren Gebrauchtpreisen, schleicht die fahle Gestalt der Abhängigkeit schon bald wieder im Hirn umher... Bestellt habe ich natürlich erneut. Kontrollierter, ja, dennoch zu viel. 32 Spiele sind es bereits jetzt wieder und mit Tränen in den Augen sehe ich RAGE, Revelations, Batman und Rayman völlig ungespielt im Schrank stehen. Eingereiht zwischen den malerischen Landschaften aus Skyrim, den verwüsteten Schlachtfeldern aus Battlefield und dem sattgrünen Rasen aus FIFA 12. Drei Spiele übrigens, die man nicht einfach aktiviert und dann wieder vergisst. Sie fressen die Abende als seien diese süß und köstlich. Jedes der drei genannten bietet den Überfluss in sich.
Obwohl mir das beim Kauf der drei genannten Titel bewusst war und ich versucht habe es dabei zu belassen, strahlten viele andere Spiele weiterhin eine intensive Magie aus. Mein Wille war gebrochen und ich kaufte erst RAGE, dann Batman (fast als Limited), Uncharted, einige PSN und XBLA Titel und zu guter Letzt auch noch die beiden Ubisoft-Kracher. Widerstehen konnte ich nur El Shaddai, das auf meine Wunschliste für Gebrauchtspiele wanderte. Und so stehe ich nun schreiend vor meinem Schrank, recke die Fäuste gen Himmel und verfluche mich selbst, die personifizierte Konsumgesellschaft. Überfluss schmeckt bitter. Diese Bitterstoffe werden insbesondere durch die lange Lebenszeit der aktuellen Systeme freigesetzt. Ich träume mir meine 360 noch immer in die selige Zeit zurück, in der ich einen Abend mit Freunden verbringen konnte, indem ich just die Konsole eingeschaltet habe. Heute gibt es das nicht mehr. Der Überfluss hat die Zusammengehörigkeit vernichtet, uns in die Einsamkeit getrieben. Erklären kann ich den Gedanken leicht: Eine jede Konsole beginnt mit wenig Spielen. Dies hat zur Folge, dass fast jeder die gleichen Spiele spielt und auch schon weiß, was er sich als nächstes kaufen wird. Uns wird eine Grenze aufgezeigt, die Grenze der Verfügbarkeit. Was nicht da ist, kann nicht gekauft werden und was da ist, muss gespielt werden. Die Moral? Bei Halo 3 oder Gears of War waren die Lobbys teilweise so voll, das man nicht mal mehr beitreten konnte. Advanced Warfighter hat uns alle näher zusammengebracht und nach zehn Runden Forza hatte man einige neue Freunde gewonnen. Jetzt gibt es mehr als 500 Spiele, mehr als 400 Multiplayer und die Anzahl der Hochkaräter ist auch angestiegen.
Es mag ironisch klingen, sich über zu viele AAA Spiele zu beklagen, aber diese Entwicklung gefällt mir persönlich nicht allzu gut. Betrachtet man das nämlich unter sozialen Gesichtspunkten, so machen zu viele Mehrspieler den Mehrspieler kaputt. Es bilden sich Grüppchen und als vielschichtiger Spieler - ich diene als Beispiel - weiß man gar nicht mehr worauf man sich nun eigentlich konzentrieren soll. Die vielen offenen Baustellen haben dann die Durchschnittlichkeit zur Folge. Wer bei Forza 4, Uncharted 3, RAGE, Battlefield 3 und Modern Warfare 3 gleichermaßen präsent sein will, der ist in keinem der genannten Spiele ein Meister seines Fachs. Darüber hinaus verliert man Freunde und Bekanntschaften. Die Konkurrenz ist groß, die Varianten zu zahlreich. Man hat kein gemeinsames Ziel mehr, zieht nicht mehr an einem Strang. Das Feld ist zu weit geworden, Luise, es ist zu weit.
Ich klage auf hohem Niveau und doch stellt sich mir die Frage: Wer soll all die Multiplayer spielen? Onlinefähige portable Konsolen, drei Systeme mit Netzanbindung, iPhones und dazu noch World of Warcraft. Doch viele Lobbys bleiben leer. Brauchte jemand den Multiplayer bei the Darkness oder Condemned 2? Wer hat sich das bei Bioshock 2 gewünscht? Unkreativer Quatsch, der die Entwickler Zeit und Arbeitet kostet. Die andere, ebenfalls dunkle, Seite der Medaille sind grandiose Ideen, die sich aufgrund der starken Konkurrenz nur einem kleinen Personenkreis erschließen. Mit sechs Call of Dutys auf dem Markt, mehreren Halos, GT's, Killzones und Co., bleibt nicht mehr viel Platz für kleinere Produktionen, deren Konzepte mitunter großartig sind. Ein Rezept dagegen gibt es, aber nur alle sechs Jahre: eine neue Konsole. Die würde alles auf ein gesundes Maß herunterregeln. Zwar nur für ein bis zwei Jahre, aber immerhin.
Derjenige, der sich voll und ganz auf ein Spiel konzentriert, beispielsweise Clanspieler, der hat nichts zu meckern. Auch nicht derjenige Gelegenheitsspieler, der sich einfach nur an der immensen Auswahl erfreut. Trotzdem bleibt die Erkenntnis, dass Überfluss und Maßlosigkeit keine Hilfe sind. Für mich persönlich ist der Überfluss in Sachen Telespiel sogar gar der Untergang des Zusammenhalts und skizziert das Ende von Fortschritt und Entwicklung. Daraus resultieren Armut und Einsamkeit, was ein hoher Preis für die große Auswahl ist.

